by R-L-X

Bei der Vorstellung ist man Feuer und Flamme. Ein halbes Jahr lang denkt man nur an sie. Dann ist sie da. Endlich. Und jetzt? Große Liebe oder ist man doch nur dem Hype erlegen? Ein Résumé nach einem Tag mit der Rolex Daytona 116500.

Da ist sie nun also. Endlich. Der Welt augenscheinlich begehrteste Uhr, sie ist nun – mein. Worum geht es hier? Was für eine Frage. Um nichts weniger als den heiligen Gral, Jahrgang 2016. Die neue Stahl-Daytona.

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Befasst man sich ein wenig mit Uhren und ist Modellen verschiedenster Marken nicht unaufgeschlossen, die Präsentation des neuen Rolex Cosmographen mit der Referenz 116500 konnte einen schon ärgern. Überall auf den großen Messen in Genf und Basel erlebte man großartige Neuheiten. Tolle Modelle, innovative Modelle, ausgefeilte Techniken, Feinmechanik vom – ja vom Feinsten.

Und was macht Rolex? Sie nimmt ein mittlerweile 16 Jahre altes Modell und setzt einfach eine neue Lünette drauf. Wobei die streng genommen ja letztlich auch nicht mehr ganz so neu ist. Auf dem Modell in Rotgold können wir das “Cerachrom” getaufte High-Tech-Produkt schließlich bereits seit einigen Jahren bewundern.

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Doch was passiert? Na was wohl? Der Hype setzt ein. Alle wollen die Neue, die Alte, in der letzten Zeit nicht mehr ganz so begehrt wie früher, natürlich auch. Discontinued bedeutet schließlich eine Investition in die Zukunft. Oder nicht? Egal. Wird schon.

Einhundertundvierzehn Seiten misst der Thread “Aktuelle Wartezeit Daytona” in unserem Forum, knapp eine Viertel Million Aufrufe hat er bis heute. Wohlgemerkt, er ist nicht der einzige Thread, der sich mit der Stahl-Daytona, alt wie neu, beschäftigt. Auf luxify findet sich das Hands-on der 116500 seit Erscheinen kontinuierlich in den Top 10 der beliebtesten Beiträge, das erfolgreichste Foto unseres Instagram-Accounts zeigt – richtig – die neue Daytona.

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Es ist unglaublich. Und es ist unfair. Denn es zeigt einmal mehr: dort, wo sich andere Hersteller Monate, Jahre Gedanken machen müssen, genügt bei Rolex ein Griff ins Regal. Innovation? Sagen wir mal – Auslegungssache.

Verübeln kann man es den Genfern ja nicht. Warum sollten sie an einer Strategie etwas ändern, die doch so perfekt aufgeht?

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Was folgt auf einen Hype? Das Hauen und Stechen. Treffender kann man den Kampf um die “Listenplätze” nicht beschreiben. Nach Präsentation der Uhr am Eröffnungstag der Baselworld, Punkt 12 Uhr mittags, liefen die Telefone der Konzessionäre heiß. Jeder wollte der Erste sein.

Die Schwierigkeit dabei: nicht jeder, der nun der Meinung war, erster zu sein, ist es auch. Man sollte meinen, gerade Konzessionäre der Marke Rolex wüssten, wie man mit einem Hype wie dem nach der Stahl-Daytona umgehen müsse. Doch die Neuvorstellung der 116500 mit zeitgleicher Einstellung der Vorgängerreferenz 116520 stellte sie vielfach vor große Probleme. Was tun?

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Für die alte Stahl-Daytona gibt es noch immer massig Positionen auf den Wartelisten, auch wenn jene längst nicht mehr so umfangreich sind, wie es einmal der Fall war. Neue Referenz, neue Liste? Somit all diejenigen verärgern, die seit Jahren auf eine Stahl-Daytona warten, diese zum Teil vielleicht sogar bereits angezahlt haben und denen die Farbe der Lünette höchstwahrscheinlich herzlich egal wäre? Oder kontinuierlich weiter Altbestellungen abarbeiten und dadurch wiederum die vermeintlich neuen “Ersten” vor den Kopf stoßen?

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Hinzu kommen die guten, die sehr guten Kunden, die jedes Jahr einen stattlichen Betrag für Uhren und auch Schmuck in die Kasse spülen und Interesse bekunden. Und dann gibt es da ja noch die Prominenz aus Medien, Sport und Internet (ja, auch sowas soll es geben), die sich ebenfalls möglichst zeitnah mit der begehrten Neuheit schmücken möchte.

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Eine weitere Frage: wie trennt man wahre Interessenten von den zahlreichen Hobby-Spekulanten? Eine Uhr mit der eigenen Verkäuferkennung binnen Stunden auf dem Graumarkt – das könnte den ein oder anderen Juwelier in Erklärungsnöte bringen.

Kurzum, man möchte nicht in der Haut der Konzessionäre stecken. Erst recht nicht an jenem Tag, an dem die ersten 116500 ausgeliefert wurden. Jeder Konzessionär in Deutschland habe eine erhalten, diese Info war auch bei uns im Forum recht schnell zu lesen – und verunsicherte diejenigen, die angeblich auf Nummer 1 der Liste standen, auf einen Anruf aber vergeblich warteten.

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Schlimmer: nie waren potenzielle Daytona-Käufer so gut vernetzt, wie heute durch das Internet. Und das bringt teils unschöne Situationen mit sich. So bat ein Mitglied unseres Forums nach stolzer Vorstellung seiner 116500 kurzerhand um Löschung seiner Bilder, ja seines ganzen Profils. Warum? Nur wenige Minuten nach seiner Vorstellung erhielt der verkaufende Konzessionär erboste Anrufe eines anderen vermeintlich auf dem ersten Platz der Liste stehenden Kunden.

Gerüchte über einen generellen Lieferstopp machten derweil an anderer Stelle die Runde. Grund: der Einkäufer eines großen Filialisten habe Daytonas reihenweise direkt an den Grauhandel abgegeben. Beweise dafür gab es nicht einmal ansatzweise, doch zeigt auch diese Episode, welch seltsame Blüten der Hype um die neue Daytona mitunter treibt.

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Nun, ein paar Wochen später, hat sich die Situation keinesfalls beruhigt. Im Gegenteil, denn mittlerweile bekamen einige Konzessionäre bereits drei oder gar vier Keramik-Daytonas geliefert, andere erklären ihren Kunden hingegen, noch immer auf die Erste zu warten. Ein für alle Seiten recht unbefriedigender Status.

Auch die Art des Umgangs mit willigen Käufern könnte unterschiedlicher nicht sein. Neben den zwei Optionen Liste weiterführen oder alte Liste schließen und neue öffnen, gibt es Konzessionäre, die überhaupt keine Listen führen, die Uhr zunächst nur an gute Kunden herausgeben.

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Man hört von Konzessionären, die die auszuliefernden Uhren im Vorweihnachtsgeschäft bei einem Glas Champagner feierlich unter den interessierten Kunden verlosen wollen, gleiche Chance für alle. Eigentlich kein schlechter Ansatz, sofern es nicht auch dort Kunden gibt, die gleicher sind als andere.

Und natürlich gibt es auch wieder die beliebte Aussage, Modelle würden bei Lieferung einfach ins Schaufenster gestellt. First come, first serve. Wer es glaubt…

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Die Folge: auch wenn jetzt schon weit mehr 116500 Modelle ausgeliefert wurden, als man das nach so kurzer Zeit erwartet hatte, steigen die Preise auf dem Sekundärmarkt in unbegreifliche Sphären. Zwischen 16.500 und 18.900 Euro werden derzeit für die neue Stahl-Daytona aufgerufen. Zum Vergleich: acht bis zehn Jahre alte Weißgold-Daytonas liegen in exakt der gleichen Preisrange.

16.500 Euro und mehr – bei einem Listenpreis von 11.300 Euro überlegt sich so manch glücklicher Erstkäufer da, ob ihm das Hemd nicht doch näher ist als der Rock.

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Ein Gedanke, der zugegebenermaßen auch mir kommt, nun, da meine 116500 endlich vor mir liegt. Ein halbes Jahr habe ich gewartet, gefiebert, gebangt. Ich habe mich gefreut, mir die Fingernägel abgeknabbert vor Anspannung, ob mit der Übergabe denn auch alles so klappt, wie ich das geplant habe. Nun ist sie da, die Anspannung verfliegt, Zeit für eine nüchterne Analyse.

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Und nüchtern betrachtet ist der Unterschied zu meiner nun sechs Jahre alten Rolex Daytona, Ref. 116520 auf den ersten Blick dann doch gar nicht mal so groß. Welch Wunder, denn streng genommen ist es ja wirklich die gleiche Uhr. Braucht man zwei Stahl-Daytonas? Bin ich vielleicht einfach nur dem Hype erlegen? Habe ich mich mitreißen lassen? Ging es mir wirklich um die Uhr? Oder doch nur um das Privileg, so schnell eine bekommen zu können?

Mal eben 5.000 Euro oder mehr in ein paar Stunden verdienen, reizvoll ist das schon. Andererseits, sich nun  in die Reihe der Hobby-Spekulanten und Feierabend-Dealer einreihen? Nein, das machst du nicht. Das hat diese Uhr einfach nicht verdient.

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Also: Uhr entwerten. Sofort. Folien runter. Alle. Und wo sie doch noch so kratzerfrei daliegt, ab in die Fotobox. Einmal genauer anschauen, die begehrteste Uhr der Welt. Siehe da: genauer betrachtet wirkt sie dann doch ganz anders als meine andere Daytona. Die schwarzen Totalisatorenringe, Hommage an die alte Zenith-Daytona, Ref. 16520, stehen der Neuen richtig gut. Die Struktur ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen.

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Die Ringe harmonieren perfekt mit der Lünette, die mal tief schwarz, mal grau, dank der filigranen Beschriftung aber in jedem Fall wesentlich spannender wirkt als die Stahl-Lünette der Vorgängerreferenz.

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Schwarz auch die Mitte des Stunden- und des Minutenzeigers. War das vorher schon so? Wohl ja, doch noch nie kam es so gut heraus wie nun in dieser Kombination. Schwarz, Weiß, Silber, dazu das Rot des Daytona-Schriftzugs, die 116500 glänzt mit perfekter Harmonie.

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Sie ist, man möge mir diese törichte Aussage verzeihen, die schönere Platin-Daytona. Denn deren eisblaues Blatt bedarf ein verdammt gutes Händchen bei der Auswahl der zugehörigen Garderobe, wobei die Brauntöne dann letztlich doch wieder zu so überhaupt nichts passen wollen. Nein, die neue Stahl-Daytona ist – verdammt perfekt!

Sie ist die schönste – ok – eine der schönsten Daytonas aller Zeiten. Eine Uhr zum behalten. Eine Uhr zum sich daran erfreuen. Sie ist, Hype hin oder her, einfach die Rolex des Jahres.

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Fotos & Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2016

 

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