by R-L-X

“Sammeln beginnt dort, wo die Wände schon voll sind. Alles davor ist bloßes Dekorieren.” Im November fand in der Villa Grisebach in Berlin die Herbstauktion 2014 statt. In insgesamt acht Auktionen wurden vier Tage lang Fotografien, Skulpturen und Gemälde versteigert.

Erst dann, wenn man Kunst kauft, obwohl man eigentlich keinen Platz dafür hat, kauft man sie so bewusst, dass man vom Sammeln sprechen kann, sagt Daniel von Schacky. Daniel von Schacky ist Ende dreißig und Geschäftsführender Gesellschafter sowie Auktionator der Villa Grisebach in Berlin. Dort ist er zuständig für den Bereich “Contemporary”.

Das Auktionshaus “Villa Grisebach Auktionen”, gelegen in der ehemaligen Stadtvilla des Architekten Hans Grisebach in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg, hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1986 zu dem bedeutendsten Auktionshaus für Deutsche Kunst des 19., 20. und 21. Jahrhunderts entwickelt.

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Daniel von Schacky, geboren in Bonn, aufgewachsen in Berlin, studierte International Relations und Kunstgeschichte in den USA. Nach einer mehrjährigen Tätigkeit in New York kehrte er 2006 nach Deutschland zurück. Es war eine Rückkehr in zweifacher Sicht: zurück in das Land, in dem er geboren wurde, und zurück in das Geschäft seines Vaters Bernd Schultz, dem Mitbegründer des Auktionshauses Villa Grisebach. Zwischen den Auktionen nahm er sich Zeit und beschrieb mir den Weg eines spektakulären Bildes:

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Los Nr. 717, “Landschaft mit Rot” von Georg Baselitz. Daniel von Schacky kennt das Bild bereits seit einigen Jahren. Damals rief der Eigentümer des Bildes, ein Privatsammler aus dem Rheinland, in der Düsseldorfer Repräsentanz der Villa Grisebach an und bekundete Interesse, ein Bild zur Auktion einzuliefern. Das Bild war bereits seit 1976 bei ihm, und so war es wichtig, behutsam vorzugehen. “Eine Trennung von einem Bild kann wie eine Trennung von einem Kind sein. Das lässt man ja auch nicht von heute auf morgen aus dem Haus”, beschreibt Daniel von Schacky. Das Bild hat seinen Besitzer fast 40 Jahre lang durch das Leben begleitet – eine Trennung fällt dann oft schwer. Im Verlauf mehrerer Besuche sprachen die beiden immer wieder über das Bild und die Chancen, es auf dem Markt anzubieten. Zeitdruck hatte der Verkäufer nicht, aber er wollte das Bild beizeiten selber veräußern, bevor es die Erben tun.

2014 war es dann soweit. Die Zeit schien reif. Der Sammler hatte sich in einem langen Prozess vom Bild verabschieden können, und es wurde von einem Spediteur abgeholt. Wer ein solches Bild einpacken lässt, sollte es nicht eilig haben: es wird mehrfach gesichert und geschützt, bevor es in einer speziell angepassten Kiste verschwindet.

Die Mitarbeiter der Villa Grisebach sind ausgezeichnet vernetzt und verfügen über eine eindrucksvolle Kundenkartei. Wird ein Bild wie “Landschaft in Rot” von Georg Baselitz zur Auktion eingeliefert, haben sie bereits ein Dutzend Sammler im Kopf, die daran Interesse haben. Daniel von Schacky ruft sie an und teilt ihnen mit, dass ein interessantes Bild zur Versteigerung steht. Tatsächlich war schon wenige Tage später ein Interessent in Berlin, um es sich anzusehen.

Freitag Abend, 28. November 2014. Weil die altehrwürdigen Räume in der Villa nicht mehr für die Anzahl der Bieter ausreichen, findet diese Auktion zum ersten Mal zwei Häuser weiter statt. Der ehemalige Louis-Vuitton-Store wurde zu einer weiteren Ausstellungs- und Auktionsfläche ausgebaut. Der Abend beginnt besser als erwartet: schon die ersten beiden Bilder des kürzlich während einer Taxifahrt durch Berlin verstorbenen Malers Otto Piene werden zu einem Mehrfachen des Schätzpreises verkauft: sie gehen für € 40.000,- und € 35.000,- an einen Bieter, der am Telefon mitsteigert.

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Überhaupt: die technischen Möglichkeiten des Mitbietens lassen keine Wünsche offen. Wer nicht den Weg nach Berlin auf sich nehmen möchte, kann ein schriftliches Angebot abgeben, er kann online mitbieten oder auch telefonisch. Am anderen Ende der Telefonleitung sitzen Mitarbeiter der Villa Grisebach im Auktionssaal, halten ihren Bieter auf dem Laufenden und geben für ihn gegebenenfalls die Gebote ab.

Die Stimmung im Saal wollte ich heute jedoch nicht missen. Die Mischung aus Stille, Gebotsabgaben, einem gelegentlichen Raunen und dem Hammer des stets souveränen Auktionators erzeugt eine Spannung, die man nur vor Ort erleben kann.

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Um 18:20 Uhr steht die “Landschaft mit Rot” zur Auktion. Es hängt in voller Pracht auf der Bühne, 2,20m hoch und auch aus der letzten Reihe des Saals gut zu sehen. Angesichts des Schätzpreises von € 200.000,- war hier kein Bieterfeuerwerk zu erwarten: das Bild geht zum Preis von € 200.000,- an einen anonymen Telefonbieter. Es ist das zweitbeste Ergebnis des Abends. Insgesamt werden mehr als 85% der Bilder verkauft – das ist eine ungewöhnlich hohe Quote.

Am nächsten Tag empfängt mich Daniel von Schacky noch einmal. Er wirkt gelassen und entspannt. Auch wenn einige meiner Fragen aus Gründen der Verschwiegenheit unbeantwortet bleiben, erläutert er mir doch viele Hintergründe aus der Welt des Kunsthandels. Um 13:30 Uhr steht er auf und bittet höflich um Entschuldigung: er möchte sich noch auf die letzte Auktion dieses Tages vorbereiten, die er gleich leiten wird. Während er mich verabschiedet, spricht er mich noch auf ein Bild an, das in meinem Wohnzimmer hängt. Ich lächele und sage “Das bleibt. Das gefällt mir zu gut”. “Selbstverständlich”, gibt er ebenfalls lächelnd zurück. “Aber sollte einmal das Interesse verloren gehen: ich hätte da schon einen Interessenten”.

 

Fotos: © Peter Kuley, Villa Grisebach, Amelie Losier, Villa Grisebach
Text: © Nico Hoene 2014

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