by R-L-X

Auf der Suche nach einer anderen Form von Luxus begab sich Tobias auf eine 110 Kilometer lange Tour durch Schweden. Zu Fuß, mit dem Zelt. Die Fjäll Räven Classic als Experiment. Hier ist sein Bericht.

Was ist Luxus? Sind es nochmal 100 PS mehr? ist es noch ein Concierge auf Knopfdruck mehr? Sind es noch mehr Nullen an den Preisschildern der Auslage? Man könnte es meinen, wenn man sich Publikationen widmet, die sich mit dem Thema Luxus beschäftigen. Mehr ist gut, auch mein Beruf speist seinen Reiz aus dem Exzess. Aber manchmal langweilts mich. Und irgendwann kam die Frage auf: Kann man Luxus auch durch Reduktion erleben?

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Mein Plan: raus aus dem Luxus. Ich hab’s mir gut eingerichtet in meinem Leben, alles ist da, wo es sein soll und das ist auch gut so. Behaglich, komfortabel, maßgeschneidert. Ich esse nicht, weil ich Hunger hab und mir ist nie kalt. Schnell erlebt man diesen alltäglichen Luxus als Selbstverständlichkeit. Und neulich fiel mir auf: ich hab noch nie in einem Zelt geschlafen. Ich hasse den Begriff Comfort Zone, aber hier trifft er ganz gut zu. Da muß man auch mal raus.

Aber erstmal: Was ist eigentlich der QDDS? Diese Community hier ist eine ganz spannende. Hier tummeln sich unglaublich viele verschiedene Menschen, die vermutlich alle Facetten abdecken, die das Leben so feilbietet. Aus dieser Community habe ich schon viel Input, Rat und Freundschaft erfahren, es ist die einzige mir bekannte Internet-Community, deren Teilnehmer ich auch gern im Real life treffe. Vor ein paar Jahren, in einer anderen Zeit, als ich noch 35 Kilo mehr wog und unzufrieden war, wollte ich was ändern an mir und meinen Umständen. Sport war ein Weg ins Freie, ich habe mir hier viele Anregungen und Empfehlungen geholt und daraus entsprang die Idee des QDDS, einer mittlerweile jährlich stattfindenden Veranstaltung, die zum Ziel hat, Grenzen zu knacken. QDDS ist – ganz profan – die Abkürzung für „Quäl Dich, Du Sau“.

Der erste QDDS – ein Triathlon – fand 2012 statt. Und das kam so: 2011, zu meinem 40. Geburtstag, begann ich mit Lauftraining, harte Zeit. Ich hatte bis dato noch nie an einem Triathlon teilgenommen und als Motivation und Fernziel startete ich einen Thread mit der Ankündigung: wir machen einen Triathlon. 2012. In der Pfalz. Der Thread wurde gelesen und diskutiert, immer mehr User – einige, die ich kannte, einige mir völlig unbekannte – bekundeten Interesse und meldeten sich an. Die Sache nahm ihren Lauf. Mehr und mehr Foris schalteten sich ein, gaben ihren Senf dazu, feuerten uns an. Ich kam aus der Nummer nicht mehr raus, daher mußte ich trainieren. Das Event fand statt und war ein großer Erfolg. Es waren zwar nicht viele Teilnehmer, aber das Fest war großartig. 2013 dann ein olympischer Triathlon, 2014 ein Marathon – mein allererster – und 2015 ein Alpencross per Mountainbike. Immer wieder war der Anklang groß, immer wieder fanden neue Teilnehmer aus dem Forum zusammen. Stets nur eine Handvoll, aber immer unter dem Applaus der übrigen Community. Die pure Motivation.

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Und 2016? Irgendwann machte mich ein guter Freund auf den Fjäll Räven Classic aufmerksam. Ein 110 km langer Marsch durch Nordschweden, hinterm Polarkreis, mitten im schwedischen Mittsommer. Keine Infrastruktur, keine Versorgung. Man muß alles, was man meint, zu brauchen, mit sich führen, sich selbst versorgen, darf keinen Abfall hinterlassen und ist komplett auf sich allein gestellt. Natürlich schläft man im Zelt, denn Hotels oder Herbergen gibt es keine. Es gibt auch keine Mobilfunkverbindung. Wer hier ein Problem hat, hat ein Problem. Und mit etwas Glück einen Hubschrauber, der ihn irgendwann rausholt.

Für die 110 km hat man etwa 7 Tage Zeit. Die Strecke ist der „Kungsleden“, oder Königsweg, ein legendärer Wanderweg in Lappland, der sich über 440 km erstreckt. Die populärsten 110 km führen durch Gebirge, man startet auf 400 hm und muß den 1140m hoch gelegenen Tjäktjapass überwinden. Wer Freude daran hat, kann auch den direkt am Weg gelegenen Kebnekaise – mit 2100 m der höchste Berg in Schweden – besteigen. Der Weg ist grob vorgegeben, es finden sich insgesamt 8 Stützpunkte, die man passieren muß und an denen man einen Kontrollstempel bekommt. Es ist verboten, den Weg anders als zu Fuß zurückzulegen, man darf nicht in den spärlich vorhandenen Hütten des Schwedischen Naturverbands nächtigen, man darf keinen Müll zurücklassen und man muß eine Mindestausrüstung mit sich führen.

Die einzelnen Stützpunkte liegen zwischen 12 und 19 km voneinander entfernt und es bleibt einem selbst überlassen, ob man an den Stützpunkten nächtigt oder irgendwo dazwischen. In Schweden herrscht das Jedermannsrecht, das Schweden und Ausländern eine weitgehende Autonomie zuschreibt, wo man sich in der Natur aufhält und wo man etwa sein Zelt aufschlägt. Kennt man in Deutschland nicht. Kein Wunder: Schweden ist 25% größer als Deutschland, hat aber nur 7 Millionen Einwohner. Das Land ist enorm groß und weit. Und menschenleer.

Organisiert wird der Lauf – der Name sagts – von der gleichnamigen schwedischen Outdoorbekleidungsfirma. Ich hasse Outdoorkleidung und assoziiere sie mit Oberlehrern und Gutmenschen. Deutsche im Ausland erkennt man immer an ebenso sündhaft teurer wie unsexier Funktionskleidung. Und an den dicken Kindern. Aber seit ich laufe, habe ich die Vorzüge von derartiger Bekleidung kennengelernt. Vor 1,5 Jahren habe ich zudem den Jagdschein absolviert, seitdem habe ich Bedarf an Outdoorkleidung und seitdem kann ich den Unterschied zwischen guter und sehr guter Qualität benennen. Eine Form von Luxus, in die man erstaunlich viel Geld versenken kann.

Der Lauf wird seit einigen Jahren veranstaltet, unter großer Resonanz. Insgesamt 2000 Menschen können teilnehmen und die Teilnahmelisten sind blitzschnell voll. Kein Wunder, die Herausforderung ist spannend, das Startgeld ist mit 200,- lächerlich niedrig und die Organisation ist hervorragend. Ich startete einen Thread im Forum, meldete mich mit einigen Unerschrockenen im April an, bekam recht schnell eine Zusage und vergaß das Projekt erstmal im Alltagstrubel.

Irgendwann kam der Startpunkt Anfang August näher. Und ich mußte mich mit mir unbekannten Fragen beschäftigen. Was nehme ich mit, wie versorge ich mich, wie funktioniert das alles? Ich habe noch nie in einem Zelt übernachtet, Zelte sind mir zuwider. Es ist kalt, eng und zugig dort, Urlaub habe ich immer mit Luxus und Komfort assoziiert, Camping war mir uncool und verhaßt, niemals wäre ich auf die Idee gekommen. Und jetzt also ein Zelt?

Und hier geht die Reise los. Und die Differenzierung zwischen Luxus und Unverzichtbarem. Denn man kann nicht alles haben. Der limitierende Faktor ist die eigene Kraft. Denn alles, was ich mitnehmen will, muß ich auch während der gesamten Zeit mit mir tragen. Soll ich also das möglichst leichte, einfache Zelt mitnehmen, welches nur 1,5 kg wiegt oder soll ich mir das komfortable, größere Zelt gönnen, das 5 kg wiegt? Wenn ich das leichtere Zelt mitnehme, habe ich mehr Kapazität für Nahrung. Oder doch lieber mehr Kleidung zum wechseln? Möchte ich warme Nahrung und Getränke zu mir nehmen? Dann benötige ich einen Kocher. Oder 7 Tage nur Müsliriegel? Beschränke ich mich und führe nur 10 kg Gepäck mit mir? Oder doch alles und dafür halt 30 Kg Gepäck mitnehmen? Es gibt Teilnehmer, die machen das.

Nach der Frage der Ausrichtung geht’s ins Detail. Leichtes Zelt? Okay. Nehme ich das einfache, unsichere Ding für paar Euro oder nehme ich die schnell aufzubauende, clever durchdachte Lösung für viele 100 Euro? Ich brauch das Zelt ja nie wieder, oder vielleicht doch? Was für einen Rucksack nehm ich? Will ich atmungsaktive oder warme Kleidung? Will ich leichte Schuhe, die das Risiko der Beschädigung in sich tragen oder robuste Schuhe mit je 1 kg Eigengewicht?

Dann kommen die nächsten Fragen. Körperpflege in der Wildnis. Keine Dusche, aber unendlich viele Bäche und Flüsse, allerdings halt im Polarkreis, also fernab von 23 Grad. Keine Toiletten. Bitte? Yep, keine Toiletten. Noch nie in 45 Jahren mußte ich mich mit dieser Thematik beschäftigen, ein klassisches Erstweltproblem.

August 2016: die Reise beginnt. Ich reise mit meinem guten Forumsfreund Joe an, mit dem ich schon viele Forumsveranstaltungen erlebt habe. Unser Plan: nicht einfach hin, durch und wieder heim. Wir waren beide noch nie in Schweden, daher wollen wir uns dort etwas Zeit nehmen. Letztes mal Zivilisation schnuppern, der Forumsreiseveranstalter Biffbiffsen, der unsere kompletten Reisebuchungen klargemacht hat, empfiehlt uns ein gutes Hotel in Stockholm, in welches wir uns für 2 Nächte einquartieren. Stockholm ist eine superlässige Stadt, vom Flair her fast mediterran, insbesondere in der Altstadt. Wir genießen die Gastronomie, die Architektur und die Schönheit des Publikums, absolvieren das klassische Touriprogramm von der Bootsrundfahrt bis zum Besuch des Hipsterviertels, essen gut und laufen viel.

2 Tage später dann der Flug nach Kiruna. Kiruna ist die nördlichste Stadt Schwedens, knapp hinterm Polarkreis. In Kiruna beschäftigt man sich in erster Linie mit der Förderung von Rohstoffen und dem Start von Raketen. Auch ist „Stadt“ ein dehnbarer Begriff. Ist Stockholm mit seiner knappen Million Einwohner schon eher eine kleine Großstadt, ist Kiruna ein Nest. Der Flughafen besteht aus einem größeren Hangar und einer kleinen Abfertigungshalle. Weit und breit kein anderes Gebäude zu sehen, wir sind mitten in der Natur. Die Bebauung ist spärlich und niedrig, wir kommen nicht an der üblichen Mischung aus Modeoutlets und Verbrauchermärkten vorbei, hier beschäftigt man sich eher mit dem Handel von Baumaterialien, Snowmobiles und Schwerlastfahrzeugen. Der Ortskern erinnert mich hinsichtlich der Struktur und Architektur spontan an russische Provinz.

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Flughafen Kiruna

Die Menschen sind herzlich und helfen viel. Wir beziehen ein skurriles kleines Hotel und geniessen die ansässige Gastronomie mit ihrem ruppigen, aber herzlichen Charme, wunderbarem Essen – wir essen das erste mal Rentier – und lächerlich niedrigen Preisen.

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Rentierbaguette im Cafe Safari – Luxus!

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Kiruna Blues. Wir chillen hart im Hotel Bishop’s Arms.

Und nach der letzten Nacht im Hotel steuern wir schließlich den Start des Fjäll Räven Classic an.

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Verladung des Zielortkoffers

Alles beginnt in der Turnhalle der lokalen Gesamtschule. Hier sitzt das Starterlager, hier meldet man sich an, erhält Instruktionen und Unterlagen, kann sein Equipment aufarbeiten oder komplettieren, man kann sich mit Nahrung für die kommenden Tage versorgen und sich informieren. Das alles verläuft vorbildlich. Denn Fjäll Räven ist keine Firma im eigentlichen Sinne. Natürlich ist es eine Firma, aber man hat schnell den Eindruck, daß hier eine eingeschworene Gemeinschaft von Überzeugungstätern agiert und keine seelenlose Corporation. Jeder hier lebt sein Produkt und sein Metier, alle Helfer sind ehrenamtlich engagiert und sprühen vor Elan, Jugend und Kraft.

Wir erhalten unser Roadbook mit der Route und den Stempelfeldern, eine Karte und diverse Infobroschüren. Danach können wir uns mit Outdoornahrung versorgen. Und zwar kostenlos. Es gibt abertausende Tüten mit feinster Outdoornahrung eines norwegischen Spezialherstellers. Man muß lediglich heißes Wasser hinzufügen und 8 Minuten warten, danach hat man Chili Con Carne oder Spaghetti Bolognese, Wildeintopf oder Kabeljau mit Kartoffeln. Es gibt etwa 10 verschiedene Gerichte, zudem Müsli und Spezialangebote für Vegetarier und Veganer, mit denen man sich nach Belieben eindecken kann. Wenn man bedenkt, daß eine einzige Ration etwa 10,- im Handel kostet, schmilzt die Startgebühr schon jetzt gen Null.

Auch Gaskartuschen und spezielles Brot für Outdoortrips werden kostenlos gereicht. Wir greifen beherzt zu, immerhin sind wir mehrere Tage quasi ohne Einkaufsmöglichkeit. Wobei das nicht ganz stimmt: 2 der Stützpunkte auf dem Weg bieten die Möglichkeit, sich ebenfalls mit Foodpacks einzudecken. Ebenso erhält man dort seinen Trashbag. Und der Trashbag ist wichtig. Den hierin wird alles an Müll gesammelt, was man während der Reise erzeugt. Die Regeln diesbezüglich sind rigide: wer bei der wilden Müllentsorgung erwischt wird, wird disqualifiziert. Als Anreiz gibt es ein kleines Gewinnspiel: wer nach der Reise den schwersten Trashbag mitbringt, gewinnt ein Zelt im Wert von knapp 1.000 Euro. Entsprechend motiviert sind die Teilnehmer, ihren eigenen Müll beieinanderzuhalten und evtl. auf der Strecke auftauchenden Müll mitzunehmen. Der schwerste Müllsack im Ziel sollte 7,2 kg wiegen.

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Im Basislager

Wie bereits erwähnt: über 2.000 Teilnehmer begehen den Weg. 2.400 haben sich angemeldet, 2.150 kommen tatsächlich, davon sind 2.000 Erstabsolventen. Entsprechend bunt und turbulent geht es zu. Nun mag man sich fragen: 2.000 Teilnehmer und die Ruhe und Einsamkeit einer Outdoorwanderung – wie geht das zusammen? Die Antwort: Taktung. Insgesamt werden die 2.150 Teilnehmer auf 8 Startergruppen verteilt, die binnen 3 Tagen starten. Am Tag Eins starten je eine Gruppe um 9 Uhr, 13 Uhr und 17 Uhr, selbiges an Tag 2 und am 3.Tag starten schließlich 2 Gruppen um 9 und 13 Uhr. Wir gehören zur Gruppe 7 und starten somit am letzten Starttag – dem Sonntag – um 9.

Aber noch ist es Samstag. Wir finden uns nach einigen Turbulenzen – einem unserer Mitreisenden kam etwa das komplette Gepäck abhanden – zusammen auf dem an die Schule angrenzenden großen Campingplatz, wo wir mit etwa 200 anderen Teilnehmern unsere erste Nacht im Zelt absolvieren sollten. Mein Zelt, welches auf den schönen Namen MSR Hubba Hubba NX hört, ist rasch aufgebaut und erstaunlich geräumig, die Thermarest Matte rasch aufgeblasen und mein Lamina Z Flame-Schlafsack ist kuschlig warm.

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Unser erstes Zeltlager, noch im Camp

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Ei, was esse mer dann?

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Eßbar

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Mein erstes mal im Zelt

Das größte Thema: das Wetter. Die Wetterberichte hier oben sind mit Vorsicht zu genießen, denn das Wetter ändert sich ständig. Und die Aussichten sind schlecht, es wird Regen und Wind angekündigt, was mir ein wenig zu denken gibt. Denn jetzt entscheidet sich, was man tatsächlich mitnimmt und was man in den Koffer packt, der vom Veranstalter an den Zielort gebracht wird und in dem man die Kleidung für das Leben nach der Ankunft unterbringt. Der Abend ist lustig, wir werden vertraut im Umgang mit unserem supercoolen Primus-Gaskocher und bereiten bei schönem Wetter unsere ersten Instantmahlzeiten zu. Danach ab ins Zelt.

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Noch scheint die Sonne

Der erste Regen fällt prompt in der ersten Nacht am Campingplatz, das prasseln des Regens auf das hauchdünne Dach meines Zelts ist eine angenehme Erfahrung.

Aber am nächsten Morgen ist es kalt und klamm, der Ausstieg aus dem wärmenden Schlafsack fällt schwer. Da die Sonne nicht untergeht – es ist Mittsommar – ist es die ganze Nacht über maximal dämmerig, ich bin daher schon um 4 Uhr wach. Der Plan, schon am Starttag mit dem Camperleben zu beginnen, fällt umgehend. Noch einmal nutze ich die heiße Dusche des Campingplatzes und tue mich gütlich am wunderbaren Frühstücksbuffet des Campingplatzrestaurants. Die Instantmüslis müssen bis morgen warten. Wir treffen uns um 5 zum Frühstück, um 6.30 startet der Bus in Richtung Startplatz.

Anderthalb Stunden später sind wir in Nikkaluokta. Mitten in der Pampa. Außer einem kleinen Campingplatz mit einem hölzernen Empfangsgebäude gibt es nichts. Wir werden empfangen und instruiert von freundlichen und hochmotivierten Mitarbeitern, die uns die letzten Informationen auf den Weg geben und uns insbesondere nochmal ermahnen, keinen Müll zu hinterlassen.

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Nikkaluokta, Startplatz

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Die Startflagge, um Punkt 9 gehts los.

Ich gewöhne mich langsam an mein Equipment. Ich habe mir noch kurz vor dem Start einen leichten Poncho, ein Anti-Mücken-Netz, einen Regenschutz für den Rucksack, eine neue Laufhose und eine Hardshelljacke geholt – letztere wurde mir freundlicherweise von Fjäll Räven gestellt, da ich kurz vor dem Start in einem Anflug von Panik meine schwere Jacke aus meinem Koffer holen wollte, dieser aber bereits verstaut war. Um das Problem kurzerhand zu lösen, drückte mir ein Mitarbeiter eine brandneue 700-Euro Jacke in der Hand mit der Bitte, sie nach dem Lauf wieder abzugeben… Mein Deuter-Rucksack wiegt komplett 14 kg, aber die Last verteilt sich angenehm auf den Hüftgurt und den Schultergurt, ich spüre zwar das Gewicht, aber keinen punktuellen Druck. Gutes Equipment ist schon geil!

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Ich so

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Leon so

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Joe so

Um Punkt 9 geht es los, wir starten mit Gruppe 7, die aus etwa 130 Teilnehmern besteht. Der Weg ist gut ausgeschildert, wir folgen immer den roten Markierungen. Die Vegetation besteht aus Birkenwäldern, Blaubeeren und diversen Sträuchern, die Wälder sind licht und niedrig, der Weg ist extrem steinig, aber gut zu gehen.

Ich weiß nicht viel über die Veranstaltung und habe mich im Vorfeld auch nicht allzu sehr informiert. Das Netz ist zwar voll von Erfahrungsberichten, Tipps und Tricks, auch gibt es ein recht großes Teilnehmerforum, in dem alle Fragen besprochen werden, aber ich hatte weder Zeit, noch Lust, mich allzusehr einzuarbeiten und mich verrückt zu machen. Durch die Jagd bin ich nicht unerfahren, was die Bewegung im Wald angeht und die Zurücklegung längerer Strecken zu Fuß liegt mir, darauf baue ich. Ich weiß aber nicht, was mich genau erwartet. Die Streckenstruktur – Steine, Wasser, Sumpf, Stege – lerne ich erst auf der Strecke kennen, das Höhenprofil erfahre ich aus dem Roadbook. Das einzige, was ich zu wissen meine: es wird Myriaden von Mücken geben. Das hat mir vorab wirklich jeder gesagt. Deswegen hab ich mir ein Mückennetz und viele Flaschen Antibrumm Forte gekauft. Nur: keine Mücke weit und breit, die ganze Zeit über. Mücken mögen keine Kälte und keinen Wind. Kluge Tiere.

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A propos Tiere: Hunde hats einige im Teilnehmerfeld.

Nach etwa 2 Stunden durch die Steppe das letzte Lebenszeichen der Zivilisation in Form einer provisorisch errichteten Imbissbude. Hier verkaufen einige hartgesottene Jungs Rentierburger, das Stück zu 15 Euro. Es ist erst 11 und wir sind nicht hungrig, aber es ist der letzte feste Snack für die nächsten Tage und Rentierburger hab ich noch nie gegessen. Die Burger sind köstlich, wir verbringen eine kurze Pause an einem malerischen See und brechen auf zum ersten Streckenpunkt Kebnekaise. Dieser ist 19 km vom Startpunkt entfernt und dient als Basislager zum höchsten Berg Schwedens. Wir erwägen kurz, ihn zu besteigen, aber der Aufstieg ist nicht ganz einfach, das Wetter ist schlecht und wir könnten nicht mit unserem gesamten Gepäck hoch, was bedeutet, daß wir hoch und runter müßten und dann wieder am Ausgangspunkt des Aufstiegs wären. Das würde uns 10 Stunden kosten. Da wir nicht wissen, was uns erwartet, entscheiden wir uns dagegen.

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McRentier von Lap Donalds

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Delicious!

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Dazu diese Aussicht…

Wir – das sind Joe, Leon und ich – kommen gut voran, unsere 2 Mitwanderer sind hinter uns. So gegen 3 erreichen wir Kebnekaise. Wir holen unseren Stempel ab, erhalten als Überraschung ein Stück Kuchen und einen Becher Limo – den leeren Becher packen wir brav in unseren Trashbag – und bereiten unsere erste Mahlzeit zu. 2 Stunden später treffen unsere 2 Mitwanderer ein. Wir stellen fest, daß wir recht unterschiedliche Wandergeschwindigkeiten haben – Joe und ich sind ziemlich trainiert und Leon ist erst 21 Jahre alt und deswegen per se nicht kaputtzukriegen – und stellen ebenfalls fest, daß wir noch weiterlaufen möchten, die beiden aber hier campieren möchten. Wir entscheiden gemeinsam, uns in 2 Gruppen aufzusplitten und laufen los.

Am Anfang sind wir noch im Pulk unterwegs, was mir nicht gefällt. Volkswandertag. Wir entschließen uns daher recht früh, bissi Pace zu machen und überholen einen Großteil der Mitwanderer. Da unsere Rast am Burgerstübchen ebenfalls recht kurz ausfällt, sind wir recht bald quasi allein unterwegs. Und so langsam ergreift uns der Reiz der Landschaft und der Ruhe. Diesen möchten wir erhalten, daher entscheiden wir uns für 2 Strategien. Zum einen: nicht an den Checkpoints übernachten. Das tun viele der Teilnehmer, entsprechend campmäßig ist die Atmosphäre dort. Sicherlich spannend und lustig, wenn man sowas mag. Wir aber sind uns einig, daß wir was anderes suchen. Strategie 2: früh starten. Da man aufgrund der fehlenden Dunkelheit eh nicht wirklich zum schlafen kommt, ist man entsprechend früh wach. Wir sind jeden Tag um 5 gestartet und hatten entsprechend bis etwa 9 Uhr die Wege weitgehend für uns. Phantastisch!

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Weg

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Steg. Noch sind wir recht weit unten, die Flora beweists.

Unser Plan ist es, zwischen Kebnekaise und dem zweiten Punkt – Singi – zu campieren. Es sind 15 km zwischen den beiden Punkten, nach etwa 6 Kilometern und somit insgesamt 25 km finden wir ein idyllisches Hochplateau am Fuße eines Berges, direkt an einem Fluß. Kunststück: wir werden die nächsten Tage immer am Fuße eines Berges an einem Fluß sein, schließlich durchwandern wir ein Tal. Entsprechend einfach ist die Orientierung. Eigentlich brauchen wir keinen Kompaß und auch keine Karte. Die Karte dient lediglich zur Positionsbestimmung, aber auch die ist noch nicht nötig, denn noch haben wir Netz…

Auf dem Weg treffen wir eine kleine Wandergruppe. Einer der Wanderer hat einen beschädigten Schuh an, die komplette Sohle hat sich gelöst, er hat das Ding notdürftig mit Panzertape bandagiert, welches aber bereits nach kurzer Zeit in Fetzen hängt. Was macht man da? Garnichts macht man da. Man geht weiter und kommt klar aufs Setup. Denn anrufen kann man keinen, Geschäfte hats weit und breit keine und helfen könnte einem auch nur einer, der zufällig ein zweites Paar passender Wanderstiefel mit sich führt… Naja, Kebneskaise ist nur noch 5 km entfernt. Wir wünschen ihnen viel Erfolg und gehen weiter. Erst später wird uns bewußt, was hier so durch Nichtigkeiten passieren kann.

So gegen 6 haben wir keinen Bock mehr und bauen unsere Zelte auf. Die Strecke fordert ihren Tribut, wir sind hundemüde und schlafen recht rasch ein. Die Nacht ist relativ ruhig. Überhaupt war der Sonntag nicht so schlimm wie erwartet, rein wettermäßig.

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Unser erster Zeltplatz

Der Montag beginnt um 4, wir bauen unsere Zelte ab, frühstücken ein Schokomüsli und einen Instantkaffee und machen uns in aller Herrgottsfrühe auf den Weg. Das Wetter hat sich zum schlechten verändert, es ist kalt, windig und regnerisch. Aber immerhin konnten wir unsere Zelte im Trockenen abbauen. Wir kommen nach einigen Stunden in Singi an. Und nachdem die Ankunft in Kebnekaise sehr angenehm war, was an den vielen Campern, der ausgelassenen Jetzt-geht’s-Los-Stimmung und dem Überraschungskuchen lag, ist Singi das krasse Gegenteil. Mich erinnert der Stützpunkt an einen verlassenen Stützpunkt aus einem der früheren Star-Wars Filme. Es ist kalt und unwirtlich, die Begrüßung durch die Fjäll Räven Stempelcrew ist freundlich, aber kurz. Auch denen ist kalt. Die spärlichen Hütten bieten uns nichts, denn deren Nutzung ist ausschließlich den Mitgliedern des schwedischen Naturfreundevereins vorbehalten. Immerhin gibt es eisig kalte und stinkende Plumpsklos.

Wir rasten kurz im Schatten einer der Hütten – es pfeift elendiglich – bereiten uns ein Heißgetränk zu und füllen unsere Wasservoräte auf. Danach geht es weiter und die Stimmung bessert sich. Die Rast hat uns runtergezogen, aber auf der Strecke kommt man rasch wieder auf Betriebstemperatur. Der Weg ist steinig und mühsam, der Regen weicht das Gelände auf, wir müssen viel durch Matsch. Außerdem tragen die unzähligen Rinnsale, die den Weg kreuzen, die Erde weg, sodaß die Steine immer weiter ausgewaschen werden. Wir müssen also ziemlich aufpassen, nicht zu stolpern oder auszurutschen. Man muß sich wirklich auf jeden Schritt konzentrieren, sodaß wir uns regelmäßig dazu zwingen müssen, innezuhalten, um die Landschaft zu genießen. Beides gleichzeitig geht nicht, das wäre zu gefährlich. Wir machen jede Stunde eine kleine Rast und füllen unsere Wasservorräte auf.

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Müsli with a View, Montag morgen

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Eingesaut ist man eigentlich ab Stunde 1

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Singi, Holzofen in the middle of nowhere

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Das schwedische Polarwasser ist das beste Wasser, das ich je getrunken habe.

Sälka – Camp Nummer 3 – ist dann wieder ein Lichtblick. Wir erreichen das Camp gegen 13 Uhr, können unsere Vorräte auffüllen, was aber nicht nötig ist und stärken uns mit einer kleinen Matschmahlzeit. Wir treffen einen der offiziellen Scouts, zu erkennen an einer orangenen Fahne. Der Scout ist ein krasser Kerl, komplett in kurzer Hose und kurzem Hemd – wir alle sind eingemummelt, wie man als Mitteleuropäer am Polarkreis halt eingemummelt ist, aber für einen Nordschweden ist jetzt Sommer, also trägt man Sommerklamotten. Er hat einen wunderbaren Hund dabei und aus seinem Steckbrief, der am Basiscamp aushing, wissen wir, daß er professioneller Jäger ist. Da Joe und ich auch jagen, unterhalten wir uns mit ihm und wie immer freundlich und kompetent beantwortet er bereitwillig all unsere Fragen. Vielleicht gehen wir nächstes Jahr auf die Jagd mit ihm, seine Visitenkarte hab ich jedenfalls.

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Eine der vielen Brücken

Der Weg führt übrigens konstant leicht bergauf, das ist zwar per se nicht mühselig, fordert aber in Verbindung mit den schwierigen Bodenbedingungen schon seinen Tribut. Sälka liegt bereits auf etwa 800 Metern und wir spüren die Laufleistung, auch aufgrund des schweren Gepäcks. Auch wenn der Rucksack sein Gewicht gut verteilt: mit der Erdanziehungskraft kann man nicht verhandeln. Egal, wir kommen gut voran und auch das Wetter ist, nachdem es den ganzen Vormittag geregnet hat, auf dem Weg der Besserung.

Nach Sälka durchlaufen wir eine lange Steigung und sind auf Kurs zum Tjäktja-Paß, dem höchsten Punkt der Strecke. Wir haben nach Sälka zwei Möglichkeiten: entweder campen wir etwa 6 Kilometer danach, direkt vor dem Paß oder wir laufen bis zum nächsten Stützpunkt, etwa 14 km entfernt. Das Stück zwischen Paß und Camp ist steinig und bietet aufgrund der Höhenlage keinerlei Schutz, ist somit nicht zum campen geeignet. Da wir mittlerweile den ganzen Tag bergauf gegangen sind und entsprechend müde sind, entschließen wir uns, vor dem Paß zu campieren. Was sich schwierig gestaltet, da der tagelange Regen die kleinen Rinnsale gut gespeist hat. Was von weitem als kuschelige Wiese aussieht, ist bei näherer Betrachtung nur noch Sumpf. Wir suchen recht lang nach einer guten Grundlage und finden schließlich einen idyllischen Hügel am Fuße des Passes. Trocken, guter Blick, fließendes Wasser in der Nähe. Und die Sonne kommt auch langsam durch.

Wir sind komplett erschöpft, aber der Tag nimmt ein versöhnliches Ende gegen 18 Uhr. Wir haben schon länger kein Netz mehr und können daher keinen Wetterbericht abfragen, aber es sieht ganz gut aus für den kommenden Tag. Raus aus den klammen Klamotten – Hose und Schuhe sind mittlerweile ziemlich naß und trocknen quasi nicht übernacht – und rein in den wärmenden und trockenen Schlafsack.

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Unser Zeltplatz für die 2. Nacht.

Ich werde um 2 Uhr nachts geweckt, weil der Regensturm mir mein Zeltdach ins Gesicht drückt. Es ist kalt, naß und ungeheuer laut, denn der Wind reißt mit Macht an meinem Zelt, dessen Gestänge sich bedrohlich verbiegt und sich auf absurde Weise von seiner Ursprungsform verabschiedet hat. Das hier ist nicht meine Frau, die mehr Decke will, das hier ist auch nicht mein Hund, der mehr Platz einfordert. Zwischen mir und der Obdachlosigkeit befinden sich etwa 0,2 mm High-Tech Faser, an denen der Sturm gerade bedrohlich reißt.

Ich sehe 2 Optionen: Verlust oder Totalverlust. Zwar trotzt mein Zelt noch den Gezeiten, aber wenn jetzt was passiert, womit ich kurzfristig rechne, liege ich schutzlos in meinem Schlafsack, all meine Sachen wären im Nu durchnäßt und unbrauchbar. Das alles im Gebirge am Polarkreis ohne Handyempfang und Infrastruktur, etwa auf hälfte der Strecke, umkehren wäre also auch keine Lösung. Ich schalte auf Notmodus und beginne, mich anzuziehen und all meine Sachen sturmsicher zu verpacken. Wenn ich jetzt mein Zelt verliere, bin ich immerhin sturmfest angezogen und habe einen trockenen Schlafsack und eine trockene Isomatte. So verharre ich etwa eine Stunde in meinem Zelt, halte von innen die Alustruktur fest und hoffe auf besseres Wetter. Gegen 3 ebbt der Sturm ab und ich verlasse kurz das Zelt. Von draußen sieht alles gut aus. Naturzustände werden immer nur dann zur Katstrophe, wenn menschliche Schicksale damit in Verbindung stehen, ohne diese sind sie erstaunlich profane Vorgänge. Die Zelte der anderen liegen zwar zerzaust, aber intakt da. Joe und Leon sind ebenfalls wach und haben wie ich ihre Sachen in Sicherheit gebracht. Nix passiert. Ich gehe nochmal ins Zelt, packe nochmal meinen Schlafsack aus, in den ich in voller Montur einsteige. Ich schlafe nochmal ein und wache um 4.30 auf. Die Stunde Ruhe war wunderbar. Wir packen die durchnäßten Zelte ein – Juchu! Nasse Zelte trocknen nicht auf dem Weg, sind also bei Ankunft ebenfalls noch naß – und brechen auf.

By the way: interessante Erfahrung hier. Normalerweise kauft man, wenn man etwas kauft, zumeist das beste, was man kriegen kann. Egal, ob man die Kraft, die Größe, die Speicherkapazität oder die Stabilität jemals brauchen wird – man kauft das vermeintlich Beste und hat die Gewißheit, das beste gekauft zu haben, ohne jemals in die Verlegenheit zu kommen, die Möglichkeiten jemals auszunutzen. De facto braucht man ja meistens deutlich weniger. Hier jedoch muß unser Equipment tatsächlich liefern. Taugt der Schuh nix? Schlecht. Geht das Zelt kaputt? Schlecht. Schon ein einziger abgerissener Gurt am Rucksack? Schlecht. Aber das Zeug liefert gut ab, es lohnt sich, hier auf Qualität zu achten.

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Der Tjäktja-Pass, von unten

Am Vortag, vor dem Einschlafen, hatten wir uns den Streckenplan angesehen und dabei festgestellt, daß wir die Tour recht problemlos in 4 Tagen schaffen könnten, ohne uns zu quälen. Das war eine Option und aus dieser Option wurde nach dieser Nacht grimmige Entschlossenheit. Wir wollten nur noch eine Nacht im Zelt verbringen, das hier war kein Spaß.

Unser Aufbruch ist entsprechend hastig. Wir frühstücken lediglich ein Stück Schokolade und machen uns vor 5 auf den Weg. Unser erstes Hindernis: ein Bach, der nach den heftigen Regenfällen der Nacht auf etwa 50 Meter Breite angeschwollen ist und entsprechend zieht. Der Weg darüber fällt uns schwer, denn wir sind noch müde, die Klamotten sind klamm und kalt, entsprechend holzig bewegen wir uns, jeder Schritt ist ein Risiko. Aber im Wasser will keiner liegen. Wir kommen durch – Joes kostbare Hanwag-Stiefel sind mittlerweile defekt und ziehen Wasser – und stehen direkt danach vor dem Anstieg zum Paß. Vor uns liegen etwa 350 Höhenmeter über mannshohe scharfe Steine. Aber wir sind im Challenge-accepted-Modus und kämpfen uns behend und zügig hoch, der Paß fällt nach einer knappen Stunde, wir kommen komplett erschöpft, aber wildentschlossen oben an, es ist kurz nach 6.

Oben dann eine Hütte. Der höchste Punkt der Strecke. Der Tjäktja-Pass. Die Hütte ist simpel und sakral, fast wie eine Kirche. Direkt daneben ein Plumpsklo. Wir nähern uns der Hütte etwas zögerlich. Ist sie offen? Und wenn ja, ist jemand drin? Erlaubt wäre eine Übernachtung dort nicht, aber letzte Nacht war Notnacht, alles ist möglich. Ich öffne die Tür – die Hütte ist offen. Und sie ist leer. Und sie ist wunderschön. Ein perfektes Beispiel schwedischen Alltagsdesigns, zu Recht für seine Schlichtheit und Funktionalität berühmt. Die nach oben spitz zulaufenden, sehr hohen Hüttenwände bestehen aus weiß lackierten Holzbohlen. In der Mitte des etwa 5×5 Meter messenden Raums befindet sich ein quadratischer Tisch mit Stahlplatte, darum 3 schlichte Holzbänke ohne Lehne, mittelgrau gestrichen. Der Holzboden ist dunkelgrau, in der rechten Ecke befindet sich ein schlichter Kanonenofen. Es gibt ein kleines Fenster. Ansonsten ist der Raum leer. Uns erfüllt der Raum mit großer Freude, wir lassen uns auf den Bänken nieder und essen ein Müsli. Es ist zwar verboten, in den Hütten zu kochen, aber Rast ist erlaubt und wir nutzen unsere Chance. Im nu herrscht gute, übermütige Stimmung. Wir haben die Nacht gemeistert, den Paß bezwungen und das Schokomüsli schmeckt phantastisch. Dazu das wunderbare Quellwasser aus der Feldflasche – Luxus! Wir rasten kurz und beginnen den Abstieg.

Unser nächstes Ziel – der Stützpunkt Tjäktja. Es geht durch weitläufige Geröllhalden und Steinplateaus. Schon seit geraumer Zeit ist der Bewuchs alpin. War unser Zeltplatz noch mit Gras und spärlichem Blaubeerstrauchbewuchs versehen, hat es hier oben nur noch Flechten und vereinzelte Wacholderbüsche. Ab und zu tauchen sehr vereinzelt skurrile puderrosa Blüten zwischen den Steinen auf. Aber ansonsten: Steine, Steine, Steine. Und ein paar Rentiere. Und überall Wasserläufe und Berge. Die Landschaft ist beeindruckend, so weitläufig, so majestätisch, so menschenleer. Man kann das nicht fotografieren. Dazu die unfaßbar saubere und aromatische Atemluft. Und immer wieder das köstliche Wasser.

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Squad Goals

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Abstieg vom Tjäktja-Pass, morgens vor 7.

Auch das beste Wasser geht einem aber irgendwann gegen den Strich. Joe irgendwann: „Ich würd jetzt schrecklich gern was mit Kohlensäure trinken. Zur Not meinetwegen sogar Champagner.“

Tjäktja kommt näher. Der Stützpunkt besteht nur aus 2 großen blauen Zelten in the middle of nowhere. Davor ist wieder ein breiter Fluß, der irgendwie überwunden werden will. Wir schaffens und stoßen wieder auf eine supernette, hochmotivierte Checkpointcrew, die uns mit einem Karottenkuchen und heißem Tee überrascht. Es ist kurz nach 9. Einer der Crew ist übrigens Student aus Uppsala. Da Joe gleich zu Beginn den gleichnamigen 60er-Jahreschlager als Marschhymne auserkoren hat, ist die Freude natürlich groß. Aber mittlerweile können wir über jeden Scheiß lachen. Die Stimmung ist hammer!

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Stützpunkt Täktja. Davor der kleine Fluß, der vorgestern noch garnicht da war.

Wenn wir unseren Plan wahrmachen wollen, liegen heute noch 30,5 km vor uns, nachdem wir schon etwa 7 km weggeschenkelt haben. Nächster Stützpunkt ist das 12.5 km entfernte Alesjaure, eine größere Hütte an einem langen, großen See. Der Weg führt durch gemäßigte Vegetation, die wir von Sälka her kennen. Aber die Road-conditions bleiben harsch. Wüst verworfene Geröllfelder wechseln sich ab mit knöcheltiefen Matschsuhlen und wenn das Terrain allzu wüst wird, ist der Weg mit parallel verlegten Bohlen versehen. Diese Bohlenpisten können mehrere 100 Meter lang sein, der Zustand variiert zwischen brandneu verlegt und morsch. Die Bohlen sind am tückischsten, da sie nicht immer gerade liegen, mitunter extrem rutschig sind und man dort nur hintereinander laufen kann. Jeden von uns schmeißts einmal, und zwar immer auf diesen Bohlen.

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Bei der Auswahl der Schuhe habe ich nicht auf Leichtigkeit geschaut, sondern auf Robustheit – wie bei allen Käufen habe ich mich von Experten beraten lassen und jedesmal hätte ich aus dem Bauch heraus nicht das gekauft, was mir empfohlen wurde. Mein Schuhchecker empfahl mir einen voll-ledernen Stiefel von Meindl, schwer und vom Härtegrad C – ich wußte bis dato garnicht, daß es da Härtegradkategorien gibt. Kam mir der Schuh erst hart, klobig und schwer vor und vermißte ich eine Atmungsaktivität, stellte sich nach den ersten 100 km einlaufen im heimischen Revier rasch heraus, daß der Schuh sehr komfortabel und führig ist. Hier spielt der Schuh sein komplettes Potential aus. Er ist hart genug, daß ich auch auf über Steinspitzen und –kanten gehen kann, ohne Schmerzen zu erleiden, er ist wasserdicht genug, daß ich im Fluß sekundenlang auf einem Stein verharren kann, um den nächsten Schritt zu eruieren, ohne daß meine Füße naß werden und er umschließt Fuß und Knöchel so sicher, daß ich nie die Sorge habe, bei einem Fehltritt irgendwie umzuknicken. Das Profil greift zuverlässig und das hohe Gewicht macht gute Wadeln. Am Ende der Reise bekomme ich meine Jeans jedenfalls nur noch mit großer Anstrengung über meine Unterschenkel.

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Darf hier natürlich auch nicht fehlen. Welche Uhr nimmt man mit? Ich hab mich für meine Tudor Pelagos entschieden. Titan, weil jedes Gramm zählt, das Stretchband ist angenehm überm Pulli und 4-Liner, wenns einem nachts mal langweilig ist und man was lesen will.

Nach kurzer Zeit sehen wir Alesjaure, den nächsten Stützpunkt. Da das Terrain keine weiteren Anstiege bietet und wir doch recht motiviert sind, machen wir die 12,5 km dorthin in etwa 3 Stunden. Tückisch: der Stützpunkt ist recht gut zu sehen, aber es liegen dennoch etwa 5 km zwischen uns, der Weg zieht sich ewig. Es bleibt die atemberaubende Landschaft, das gute Wasser und die Rentiere. Mittlerweile befinden wir uns in einem riesigen Sommergehege, in denen sich die Rentiere frei bewegen, ein spannender Anblick, da die Tiere nur wenige Meter vor uns unterwegs sind.

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Alesjaure ist ein größerer Stützpunkt, hier gibt es auch einen kleinen Laden und einen Gemeinschaftsraum, an dem man verweilen kann. Es gibt einen Kamin, den wir dankbar nutzen, um unsere Schuhe und Kleidung zu trocknen. Da es recht früh ist, entschließen wir uns, eine Stunde Pause zu machen und danach die nächsten 18 km in Angriff zu nehmen. Die Strecke hat einen Vorteil: sie führt 10 km am See entlang, somit bleibt die Strecke zumindest eben. Der Nachteil: am Ende der Piste steht ein krasser Abstieg von etwa 3 km an. Alle Höhenmeter, die wir uns erlaufen haben, werden hier nivelliert.

Davor graut uns etwas, denn mittlerweile – nach etwa 2 Dritteln der Strecke – sind wir belastet. Die Achillessehnen schmerzen, das Gewicht der Schuhe und des Rucksacks nervt, wir können das Matschessen nicht mehr sehen und uns graut vor der nächsten Nacht im Zelt, denn das Wetter wird nicht besser. Aber die Alternative zum weiterlaufen wäre, das Zelt hier irgendwo in den Matsch zu stellen. Also laufen wir weiter.

Immerhin erfahren wir hier, daß es am nächsten Stützpunkt – Kieron – abends frische Pfannkuchen gibt. Wir brechen mit unserer Taktik, fernab der Zeltplätze zu schlafen, da wir mit weiteren Stürmen rechnen und in dem Fall zumindest in der Nähe einer Hütte oder eines Stützpunkts sein wollen.

Die Rast tut gut, unsere Schuhe sind schön warm, wir machen uns hochmotiviert auf den Weg. Gegen die Schmerzen haben wir ein paar Ibu eingeworfen, diese verrichten bald ihren Dienst und wir können schmerzfrei auf Verschleiß laufen. Und das tun wir auch, das Terrain ist zunächst recht einfach und angenehm zu laufen, es geht entlang des Sees, wir kommen gut voran.

Das Wetter bleibt unangenehm, der Wind weht kräftig von vorn und bringt stechende kleine Regentropfen mit, durch dieses Zeugs laufen wir stundenlang. Nächste Bonusergötzung ist eine sehr große Gruppe chinesischer Wanderer, die extrem laut, extrem anstrengend und sehr langsam ist. Da der Weg zu großen Teilen aus Stegen besteht, können wir nur schwer überholen. Irgendwann ist auch diese Gruppe überholt. Aber das hier ist jetzt kein Spaß mehr: Wetter, Streckenkonditionen, viele andere Menschen am Start. Wir mit mittlerweile über 30 km Tagesstrecke in den Beinen und der Abstieg will und will nicht kommen, stattdessen geht es weiter bergauf durch absurd verworfene Steinhaufen, dazwischen wieder sumpfartige Flächen, in denen wir die Geister der toten Wikinger vermuten, die uns nachts mit ihren Irrlichtern in den Tod locken. Und alles glitschig und rutschig.

Aber die Landschaft ist und bleibt grandios. Die Bilder mögen da täuschen und eine gewisse ständige Gleichartigkeit vermuten lassen. Und in der Tat: es sind immer Berge, riesige Flächen, Wasserläufe und spärliche Vegetation. Aber man wird nicht satt vom Anblick. Immer wieder weisen wir einander auf bemerkenswerte Details hin, die Luft schmeckt köstlich und macht den Kopf frei und das Wasser bleibt eine Delikatesse.

Irgendwann beginnt der Abstieg. Es geht – was ganz neues – über große Steine steil bergab, Kilometer lang. Wir können ins bildschöne Land unter uns schauen, die Vegetation wechselt von Berg auf Tal, rasch finden wir uns in malerischen Birkenwäldchen wieder. Und irgendwann vor uns: Kieron. Die letzte Etappe vor dem Ziel.

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Bergab

Im Lager – Pfannkuchen. Frische, geile Pfannkuchen mit Marmelade und Sahne. 4 Stück für jeden, zubereitet und dargereicht von einer herzenswarmen schwedischen Mutter, die schon seit Tagen nichts anderes macht, als ehrenamtlich tausende von Pfannkuchen für darbende Wanderer zuzubereiten. Sie sind köstlich – Luxus! Wir schlagen unsere Zelte auf und sind todmüde, aber überglücklich.

Das Wetter wird besser – es ist zwar saukalt, aber immerhin trocken – und da wir uns in einem Wald befinden, nimmt der Wind ebenfalls ab. Wir sind jetzt 15 Stunden unterwegs, es tut alles weh, alles ist kalt, naß und klamm und wir sind fertig. Aber die Pfannkuchen haben uns alle verwandelt. Das Glück ist da, wir verstehen uns blendend und schlafen gegen 8 ein. Das tun alle im Lager, man sollte denken, daß große Partystimmung herrscht, aber jeder, der hier ist, ist müde. Wir sind übrigens – das kann man auf der Liste ersehen – die einzigen Teilnehmer aus Gruppe 7. Jeder, der jetzt hier ist, ist mindestens einen Tag länger unterwegs gewesen als wir.

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Pfannkuchen. Leider nicht fotografierbar: der Duft

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Läuft man schnell oder langsam? Das ist wohl so eine Gewissensfrage. Ich hatte vorab keine Idee, wie ich den Lauf angehe, Zeit war mir egal, mein Rückflug war so terminiert, daß ich 6 Tage Zeit für den Lauf zur Verfügung hatte, was kein Problem ist. Während des Laufs haben wir jedoch festgestellt, daß das Laufen mehr Spaß macht als das Rasten. Sicherlich, die Erfahrung, in einem Zelt zu schlafen, ist nett und spannend, aber jetzt auch nicht soo meins, als daß ich das die ganze Zeit haben müßte. Da die Etappen mitunter recht kurz sind, hätten wir den Großteil des Tages mit Rast zugebracht. Dafür war aber das Wetter schlichtweg nicht geeignet.

Der Lauf selbst ist nicht auf Zeit ausgelegt, war er aber mal. Früher gab es Goldmedaillen für Teilnehmer, die 3 Tage und weniger brauchten, Silbermedaillen für diejenigen, die binnen 4 Tagen ankommen und Bronzemedaillen für alle, die maximal 5 Tage brauchen. Zudem gab es Trailrunner. Der Rekord auf der Strecke liegt bei 12:41. Der schnellste Absolvent 2016 benötigte etwa 25 Stunden. Heute gibt es diese Abstufung nicht mehr, jeder Ankommer erhält eine Goldmedaille. Ab einem gewissen Punkt begann uns, unsere Zeit zu interessieren, einfach, weil wir schnell waren und Spaß daran hatten. War zum Glück kein Alphamännchen-Ding, was sich in rein männlichen Hobbysportgruppen gern mal einstellt. Keiner mußte den anderen was beweisen, wir hatten im Gegenteil bald so etwas wie einen Bergischen Kreisel etabliert, in dem jeder mal führte und die Pace machte. Auch kamen wir bald auf den Trichter, keine Maximalpace zu gehen, die bei etwa 5 km/h lag, sondern eine Wohlfühlpace von etwa 4,2 km/h zu gehen, bei der wir deutlich entspannter blieben.

Der letzte Tag bricht an. Wir schlafen aus, was bedeutet, daß wir erst um 5 unsere Zelte abbrechen. Es ist zwar saukalt und die Luft ist feucht, aber der Himmel ist blau. Was ein Anblick! Die Pfannkuchendame ist schon wieder unermüdlich an der Arbeit, wir sind die ersten am Stand, alle anderen schlafen noch, aber es tut sich was in der einen oder anderen Ecke. Wenn wir unsere Idee, freie Strecke durch frühen Start vor uns zu haben, durchsetzen wollen, müssen wir los. Wir essen nochmal ein paar köstliche Pfannkuchen und gehen los.

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Kieron morgens, alle schlafen noch.

Aber wir kommen nicht weit. Schmerzen. Alles tut weh. Zehen, Füße, Knöchel, Sehnen, Knie. Der gestrige Tag fordert seinen Tribut. Leon bandagiert seine Knöchel neu und wir zwingen uns zum weitergehen, irgendwann geht’s. Und irgendwann kommt die Sonne auf und es wird warm und luftig. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns von unseren klammen, schweren Jacken zu befreien und laufen in Funktionshemden weiter. Was eine Wohltat.

Wir haben ständig irgendein Lied im Kopf, einen Ohrwurm, der die aktuelle Gemütslage beschreibt. War es meist Kirstis extremely uplifting Schlager „Ein Student aus Uppsala“ von 1969, kam insbesondere während des Chinaüberholmarathons aus uns bis heute unerfindlichen Gründen Ludachris’ „Move Bitch“ zum Einsatz. Jetzt war es Rammsteins „Sonne“. Kurz übers Handy abgespielt, war das ein echter Gänsehautmoment. Man wird empfänglich für sowas in solchen Situationen.

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Hier kommt die Sonne

Die kommenden Kilometer führen durch das Naturschutzgebiet von Abisko. Wir haben noch etwa 17 km vor uns, die Wege werden immer einfacher zu gehen, die Steine werden kleiner, die Landschaft ist ungemein lieblich und schön. Links von uns ein See, vereinzelte Ferienhäuser, die Wege sind besser, weil das Gebiet von Tagestouristen frequentiert wird. Aber das Wildnisfeeling fehlt mir schon jetzt. Wir sehen die ersten Traktorspuren und wissen, daß es jetzt vorbei ist mit der unberührten Pracht. So sehr mir die Idee des Ankommens gefällt, so sehr fehlt mir schon die Einsamkeit der Berge. Man verklärt das schnell.

Die Einschläge kommen näher. 6,5 km bis zum Ziel, 5 km bis zum Ziel. Die ersten Tagestouristen kommen uns entgegen. Jeder weiß, daß hier grad der Fjäll Räven Classic stattfindet und man sieht sofort, wer Tagestourist ist und wer sich auf den letzten Metern der Tour befindet. Die Tagestouristen grüßen uns mit Daumen Hoch und Applaus, wir freuen uns sehr darüber. Irgendwann die erste Schotterstraße. Und das erste Auto, das uns so überrascht, daß wir kurz erwägen, es nach alter Wildwest-Indianerart mit Pfeilen zu beschießen. Aber wir haben keine Pfeile und das Ziel ist jetzt noch 500 m entfernt, uns trennt nur noch eine steil bergauf führende Schotterpiste zur Jugendherberge von Abisko. Hier laufen wir hoch, getragen vom uns entgegenschlagenden Applaus der bereits angekommenen und der Mitarbeiter vor Ort. Jeder wird hier mit großem Bohei empfangen, extrem cool!

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Der Marsch ist zu Ende, nach 3 Tagen und 2 Stunden sind wir im Ziel. Wir geben unsere Unterlagen ab, lassen unsere Rucksäcke fallen, bekommen ein Glas Limo und viele tröstende Worte. Die wir nicht brauchen, denn wir sind blendend drauf. Die Zivilisation hat uns wieder, wir adaptieren uns, indem wir erstmal unsere Koffer abholen und die Wanderschuhe gegen Sneakers und Matschhose gegen Jeans tauschen. Danach ins riesengroße Tipi vom Treckers Inn, dem Camp der Tour. Hier gibt es Rentier-Döner, ein köstliches Bier und viel Musik. Und natürlich andere erschöpft-enthusiastische Absolventen.

Als wir ankommen, ist es noch recht ruhig, da wir früh da waren, aber so gegen 14 Uhr herrscht echte Festivalatmosphäre. Wir nutzen die diversen Services des Zielcamps, lassen unser Equipment warten und unsere Schuhe reinigen, essen noch einen Döner und trinken diverse Biere. Und wir werden uns immer bewußter, wie schnell wir waren. So kommt nach uns eine Gruppe Schweizer Sportler an, die schon zu Beginn der Reise ankündigten, in 3 Tagen durch sein zu wollen. Wir sehen die Gruppe immer wieder mal und irgendwann waren sie weg, weil sie die Paßetappe, die wir hälftig abbrachen, durchliefen. Aber irgendwo haben wir die wieder eingeholt und waren 2 Stunden vorher im Ziel.

Auch ein mit uns startendes, extrem motiviertes Schweizer Paar mit 2 Huskies kommt Stunden nach uns an, ebenso ein ostdeutscher Sportlehrer mit seiner völlig verängstigten Begleiterin, der in Alesjaure am Nebentisch saß und vollmundig tönte, wie er jetzt die letzten Kilometer durchballern wollte. Zeiten sind scheißegal, aber zur Freude über das absolvierte Abenteuer kommt schon ein wenig Stolz dazu, daß wir als zwar fitte, aber völlig unerfahrene Hiker hier nicht mit dem Besenwagen reingefahren werden mußten. Joe hat sich dann später die Mühe gemacht und die Listen ausgewertet. Wir waren tatsächlich unter den schnellsten 10%.

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im Ziel

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Wie kann man sich nur so hart gönnen??!?

Über den Rest muß man nicht viel sagen, die Nacht in der Jugendherberge war schlimm. 10-Bettzimmer ist kein Spaß, ich wäre fast wieder ins Zelt gewechselt. Biffbiffsen, unser wunderbarer Reiseleiter, schafft es, unsere Flüge von Samstag auf Donnerstag umzubuchen. Wir verlassen Abisko am nächsten Morgen, nehmen die 10:35 Maschine von Kiruna nach Stockholm, dort 5 Stunden Stand-By und um 19 Uhr bin ich wieder in Frankfurt bei meiner Familie.

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Kiruna Airport, andere Richtung

Herrschaften, das war ein atemberaubender Trip mit einer Gefühlsbandbreite, die wohl nur solche Touren bieten können. Das Wetter 2016 war, wenn man den Organisatoren glauben darf, das schlechteste seit 20 Jahren und wir kamen trotzdem gut durch. Wir haben den Luxus von kaltem, klarem Wasser erlebt und den Geschmack von Pfannkuchen neu entdeckt. Wir haben gegessen, weil wir Hunger hatten und das wohltuende Gefühl einer Dusche nach 4 Tagen ohne genossen. Wir haben uns ein Bier verdient und wir haben Freundschaften gefestigt im Bewusstsein, daß solche Trips Freundschaften auch ein für alle mal beenden können. Wir haben viel geredet und viel geschwiegen. Und wir haben Dinge zum ersten Mal getan. Man sollte das öfter tun.

Fotos & Text: © Tobias Ueberschaer

 

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