Waren Sie schon einmal in Tallinn? Ich schon. 1991 war das. Etwa vier Wochen vor der Unabhängigkeit Estlands. Doch so wahr diese Aussage ist, so gelogen ist sie auch. Denn zwar lag ich mit MS Arkona seinerzeit im Hafen, an Land aber ging ich nicht. Ich war damals 15, hatte ‚keinen Bock‘ auf Stadtrundfahrten, auf Stadtrundgänge noch viel weniger, außerdem war das Wetter äußerst bescheiden.

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Das Schloss auf dem Domberg, heute Regierungssitz

Ziemlich genau 24 Jahre später bin ich wieder in Tallinn. Wieder an Bord eines Schiffes, heute ist es die Mein Schiff 4, wieder ist das Wetter äußerst bescheiden und auf eine Stadtrundfahrt habe ich ‚keinen Bock‘. Auf einen Stadtrundgang noch viel weniger.

Einerseits.

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Blick auf die Alexander-Newski-Kathedrale

Andererseits denke ich mir, wenn seit so vielen Jahrzehnten Kreuzfahrtschiffe immer wieder hier anlegen, heute sind es gar vier, dann muss das doch einen Grund haben. Also Hoodie an, Jacke drüber, Mütze auf, Schirm einpacken und los.

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Neitsitorn, der „Mädchenturm“

Der Shuttlebus entlässt seine Gäste am Rande der Altstadt, von hier aus heißt es einfach den Menschenströmen folgen. Nach nur wenigen Metern stehe ich vor den Toren der Stadtmauer und bin das erste Mal sichtlich angetan.

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Blick entlang der „Vene“ auf die orthodoxe Kirche St. Nikolai

Was hier auf mich wartet, das hätte ich – nie erwartet. Natürlich, man hätte sich ja vorher informieren können. Andererseits, so völlig unbedarft an die Sache ranzugehen, das hat doch auch was.

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„Viru“

Viru heißt die Straße, die in Richtung Rathausplatz führt. Orientieren kann man sich recht gut am Turm des Rathauses. Der Weg dorthin führt vorbei an allerhand bunten Häusern, an Geschäften, Restaurants, Menschen in mittelalterlichen Kostümen und natürlich jeder Menge Touristen.

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Rathaus

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Nahezu jeden Meter öffnen sich neue Ansichten, in verwinkelte Gassen, auf wunderschöne Häuser. Ich hatte ja keine Ahnung!

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Tallinn hieß bis 1918 übrigens Reval. Die Ursprünge der Stadt gehen sogar bis ins 11. Jahrhundert zurück. Sie war Knotenpunkt des hansischen Ostseehandels und gehörte damit zu den bedeutendsten Städten an der Ostsee. Hier stand einmal das höchste Gebäude der Welt und bis heute kann man eine der ältesten Apotheken überhaupt besuchen.

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Rathausplatz

Könnte man, wenn man denn den Reiseführer vorher gelesen hätte. Aber auch ohne jenen werden zwei Sachen recht schnell klar. Die Altstadt von Tallinn besteht aus einer Unterstadt und einem darüber liegenden Domberg. Und: hier schaut es immer noch aus wie im Mittelalter.

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Wahrzeichen des Dombergs ist die russisch Orthodoxe Alexander-Newski Kathedrale. Eine Kirche wie aus dem Bilderbuch. Mit Zwiebeltürmen, bunt und einfach schön anzusehen.

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Und –  schon wieder falsch. Denn eigentliches Wahrzeichen des Dombergs und auch dessen Namensgeber ist der Tallinner Dom, mit dessen Bau bereits im 13. Jahrhundert begonnen wurde. Die Domkirche steht in der Mitte des Domberges und erscheint neben der imposanten Newski-Kathedrale geradezu unscheinbar.

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Tallinner Dom

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Jene Newski-Kathedrale übrigens wurde erst um 1900 herum fertiggestellt und galt als Symbol für die stärker werdenden Einflüsse Russlands in Estland.

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11% von Tallinn wurden im 2. Weltkrieg zerstört. Läuft man durch die Unterstadt und die schmalen Gassen des Dombergs, will man selbst diese Zahl nicht glauben. Es wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben, irgendwann vor vierhundert Jahren.

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Dazu tragen natürlich auch die Musikanten und in mittelalterlicher Tracht gekleideten Verkäufer ihren Teil bei, die hier überall auf Touristen warten. Keineswegs aufdringlich allerdings.

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Der Aufstieg auf den Domberg ist etwas beschwerlich, dafür aber kommt die Sonne raus. Eine Touristengruppe der Mein Schiff 4 verschwindet durch eine kleine Gasse. Da wird’s wohl was zu sehen geben, denke ich mir und folge unauffällig.

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Kleine Gassen auf dem Domberg

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Estnische Akademie der Wissenschaften

Und in der Tat. Nach dem Passieren einiger Hinterhöfe steht man an der Mauer des Dombergs und kann einen wirklich atemberaubenden Blick über die Unterstadt, die Neubaugebiete und bis hinaus zum Hafen werfen.

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Blick vom Domberg: Rathausturm und Neubauten

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Olaikirche und Hafen mit Mein Schiff 4

Die Türme der Stadtmauern, die roten Dächer der Häuser, die Kirchtürme – einige Minuten verweile ich hier, genieße den Ausblick und bin froh, dieses Mal nicht an Bord geblieben zu sein. Dumm nur, dass mich 24 Jahre zuvor nicht die gleiche Neugier packte.

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Stadtmauern und die Olaikirche, einst das höchste Gebäude der Welt

Generell ein großer Vorteil von Kreuzfahrten ist ja, dass man in kürzester Zeit einen ersten Eindruck von vielen verschiedenen Orten gewinnen kann, abschätzen kann, welche von ihnen man sich später noch einmal genauer, intensiver anschauen möchte.

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St. Peter und Paul KircheTallinn_03273

Tallinn, das steht fest, gehört für mich definitiv dazu. Hier werde ich wieder zurück kommen. Dann aber gleich für ein paar Tage. Ohne Schiff. Dafür aber – mit Reiseführer.

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Fotos & Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2015

 

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