by R-L-X

2016 ist das Jahr der E-Klasse. Nach Limousine, T-Modell, E43 und E63 AMG bringt Mercedes-Benz nun den All-Terrain auf den Markt. Dieser soll die Lücke zwischen klassischem T-Modell und den SUVs der Marke schließen. Ein Fahrbericht auf ungewohntem Terrain.

Wächst man im Rhein-Main-Gebiet auf, ist das mit dem Schnee so eine Sache. Klar, man kennt die weiße Pracht, allerdings mehr so von zwei bis drei Vormittagen pro Wintersaison. Regelmäßig bricht dann ab einer Neuschneemenge von 0,3 Zentimetern das übliche Verkehrschaos über die Region herein, sodass man es nach Möglichkeit vermeiden sollte, während dieser Zeit ins Auto zu steigen.

Mercedes-E-All-Terrain_5682

Auf der Suche nach Schnee: Mercedes E-Klasse All-Terrain

Da auch die winterlichen Skigebiete nicht zu meinen bevorzugten Urlaubsregionen zählen, beschränkt sich meine Erfahrung bezüglich des Fahrens auf Schnee bisher auf nur wenige Kilometer. Kurz überlegen muss ich daher, als ich die Einladung erhalte, den neuen Mercedes All-Terrain unter Winterbedingungen zu testen. Moment, den – was?

Mercedes-E-All-Terrain_5742

All-Terrain. So heißt der neuste Zuwachs für die E-Klasse. Nie zuvor gehört – und dennoch sofort ein Bild im Kopf. Das muss man als Hersteller auch erst einmal hinbekommen. Mich wird also, so meine Vorstellung, ein E-Klasse T-Modell erwarten, höhergelegt, potent motorisiert, mit martialischem Auftreten, großen Rädern, kunststoff-verbreiterten Radläufen und Unterfahrschutz.

Mercedes-E-All-Terrain_5667

Wunderbares Cockpit mit Doppel-Bildschirm und Floating Lines Zierteilen

Das, was da am Flughafen von Innsbruck auf mich wartet, entspricht dann tatsächlich ziemlich genau dem, was ich mir vorgestellt hatte. Ein cooles Fahrzeug, leicht brutale Optik, die auf den ersten Blick zeigt, dass das hier eine ganz spezielle E-Klasse ist.

Mercedes-E-All-Terrain_6124

Exklusiv für den All-Terrain: Zierteile im Alu Carbon Look

Die Idee für so ein Fahrzeug ist keineswegs neu und bei anderen Herstellern schon einige Jahre fester Bestandteil des Modellprogramms, ob nun All-Track, All-Road oder wie auch immer genannt. Ein wenig verwundert es da, dass Mercedes dann doch erst recht spät auf diesen Zug aufspringt.

Mercedes-E-All-Terrain_5932

Infoscreen des serienmäßigen Dynamic Select im All-Terrain Modus

Geplant war der All-Terrain, so erfahre ich, schon eine ganze Weile. Nur machte es wirtschaftlich keinen Sinn, diesen noch im relativ fortgeschrittenen Modellzyklus der vorherigen E-Klasse einzuführen. Daher also erst jetzt, zur Baureihe 213.

Mercedes-E-All-Terrain_5899

Ergonomisch perfekter Arbeitsplatz bei jedem Wetter

Auch wenn ich die Serienversion des E-Klasse T-Modells (den Test von E 400 und E 43 AMG gibt es hier noch einmal zum Nachlesen) nach wie vor als optisch rundum perfekt bezeichnen würde, so stehen ihr die Anbauteile recht gut zu Gesicht, machen aus dem S 213 direkt ein ganz anderes Auto. Kleine Ursache, große Wirkung.

Mercedes-E-All-Terrain_5803

Durch den Zwei-Lamellen-Grill im SUV Design rückt der All-Terrain eher in Richtung GLC bzw. GLE. Die schwarzen Radläufe, das Plus an Bodenfreiheit und die großen Felgen, zur Wahl stehen 19″ Felgen in zwei neuen Designs, sowie für den Sommer auch optionale 20″ Felgen, tun ihr Übriges.

Mercedes-E-All-Terrain_5753

Von diesen Details und den speziellen Plaketten auf den Fußmatten abgesehen, ist der All-Terrain eine normale E-Klasse. Mit all den faszinierenden Features, über die ich in meinem damaligen Bericht schon geschrieben habe.

Mercedes-E-All-Terrain_5850

Um so besser, mehr Zeit also, mich mit dem eigentlichen Thema des heutigen Tages zu befassen, dem Fahren auf Schnee. Nun ist das mit diesem Anfang Dezember selbst in Tirol so eine Sache. Halbwegs sicher ist die weiße Pracht nur ab einer bestimmten Höhe und selbst in Hochgurgl, dem Ausgangspunkt des heutigen Trips, lässt die Schneehöhe, von den künstlich berieselten Pisten einmal abgesehen, durchaus zu wünschen übrig.

Mercedes-E-All-Terrain_5872

19″ Felgen in den zwei erhältlichen Designs

Also noch ein wenig höher hinauf. Zum gerade einmal ein Jahr alten Top Mountain Crosspoint, einem Motorrad-Museum auf 2.175 Metern Höhe. Der Crosspoint ist gleichzeitig auch Maut-Station für die dort beginnende Timmelsjoch-Hochalpenstraße.

Mercedes-E-All-Terrain_5882

Mautstelle Top Mountain Crosspoint

Die ist in der Regel nur von Anfang Juni bis Ende Oktober geöffnet. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Denn heute gehört die Passstraße hinauf zum 2.491 Meter hohen Grenzpunkt zwischen Österreich und Italien uns. Nur uns!

Mercedes-E-All-Terrain_5904

Jeweils mit vier Fahrzeugen, plus Führungs- und Abschlussfahrzeug, geht es auf die abgesperrte Strecke. Zunächst noch auf trockenem Asphalt, doch schon bald wartet in einer Rechtskurve: der Schnee.

Mercedes-E-All-Terrain_5909

Auf gesperrten Straßen zum Timmelsjoch

Genau genommen sogar verschiedene Versionen von Schnee. Festgefahrener, fester Schnee wechselt sich mit lockerem Neuschnee ab, den eine kürzlich abgegangene Lawine auf der Strecke hinterlassen hat.

Mercedes-E-All-Terrain_5913

Lawinen, eine hierbei nicht zu unterschätzende Gefahr. Gerade erst zwei Tage zuvor war die Strecke gesperrt. Zu gefährlich. Heute aber geben die örtlichen Experten grünes Licht.

Mercedes-E-All-Terrain_5921

Doch noch mehr winterliche Straßenverhältnisse warten bis zum obersten Punkt. Festgefahrener, rippiger Schnee und – pures Eis, unter der dünnen Schneedecke kaum zu erkennen. Wächst man im Rhein-Main-Gebiet auf, sind das echte autofahrerische Herausforderungen. Eigentlich.

Mercedes-E-All-Terrain_5926

In der All-Terrain E-Klasse hingegen bekommt man bei sowas keine schwitzigen Finger. Der Fahrer lenkt, das Auto denkt. Es greift ein, es regelt. Losfahren am schneebedeckten Berg? Einfach Gaspedal komplett durchdrücken, den Rest erledigt die Elektronik, greift in das Drehmoment ein, regelt die Bremsen der vier angetriebenen Räder (normale Kraftverteilung beim Linkslenker: 45:55).

Mercedes-E-All-Terrain_5924

Die E-Klasse beschleunigt souverän und bleibt dabei in der Spur. Auch Kehren sind so kein Problem. Im Comfort oder auch All-Terrain Mood muss man keine Quersteher fürchten, wer ein klein wenig mehr Drift möchte, schaltet in den Sport Modus. Sport Plus gibt es beim All-Terrain übrigens nicht.

Mercedes-E-All-Terrain_5934

Wie fast schon narrensicher sich das Auto auf dem schlüpfrigen Untergrund gibt, ist einfach unglaublich. Zunächst als Beifahrer unterwegs, rechne ich die Spurtreue noch meinem durchaus versierten Kollegen hinter dem Steuer zu. Doch nach dem Fahrerwechsel (und anfänglichen Bedenken meinerseits) merke ich: Nö. Das kannste auch! 50, 60, 70 km/h. Auf Eis und Schnee. Abbremsen, beschleunigen, lenken. Geraden, Kurven, Kehren. Perfekt gemeistert. Himmel, bin ich gut!

Mercedes-E-All-Terrain_5940

Ziel erreicht

Bin ich natürlich nicht. Es ist das Auto, und dessen sollte man sich, steigt man danach wieder in ein elektronisch weniger begabtes Gefährt, unbedingt bewusst sein.

Mercedes-E-All-Terrain_5963

Abstand halten und nur nicht zu übermütig werden

Testfahrt beendet. Noch eine Runde? Am liebsten ja. Doch wartet im Tal noch eine weitere Challenge auf uns.

Mercedes-E-All-Terrain_5995

Fahrzeugwechsel

Der Weg dorthin führt über ganz gewöhnliche Straßen. Dank des im All-Terrain serienmäßigen Luftfahrwerks Air Body Control ist der Fahrkomfort auf diesen wirklich hochkarätig. Das Gleichnis mit der Sänfte, so überstrapaziert es auch sein mag, selten passt es so gut wie hier.

Mercedes-E-All-Terrain_6023

Was aber wartet nun für eine zweite Challenge auf uns? Es ist: eine Offroad-Strecke.

Mercedes-E-All-Terrain_6115

Nein, die All-Terrain E-Klasse ist kein SUV, erst recht kein Geländewagen. Sie ist dafür konzipiert, auch mal auf matschigen Wegen durchzukommen, zur entlegenen Berghütte zu fahren, oder eben für Schnee, wie ich eben ja eindrucksvoll erfahren durfte.

Mercedes-E-All-Terrain_6041

Um so erstaunlicher: die Waldstrecke, die Mercedes für den Offroad Test ausgewählt hat, hat es durchaus in sich. Die Steigungen sind beachtlich, die Steine, Wurzeln, die es zu bewältigen gilt, würde ich mich mit einem normalen Fahrzeug nicht überwinden trauen.

Mercedes-E-All-Terrain_6050

Der All-Terrain macht das alles aber äußerst souverän. 29 Millimeter liegt er im Normalfall höher als die Serien-E-Klasse. Zurückzuführen ist das einmal auf die Reifen mit größerem Höhen- / Breitenverhältnis (+ 14 mm), zum anderen auf das höhere Normalfahrwerk der Luftfederung (+ 15 mm).

Mercedes-E-All-Terrain_6077

Dieses lässt sich im All-Terrain Modus bis zu einer Geschwindigkeit von 35 km/h noch einmal um zwanzig weitere Millimeter auf insgesamt + 35 mm anheben. Macht eine Bodenfreiheit von maximal 156 Millimetern. Genug für das anspruchsvolle Waldstück hier. Und seien wir ehrlich, das, was der All-Terrain auf dieser Strecke leisten muss, übertrifft mit Sicherheit alles, was gefühlt 98% aller SUVs in ihrer täglichen Praxis durchmachen müssen.

Mercedes-E-All-Terrain_6105

Das wirft die Frage auf, an wen sich so ein Auto, das speziell für den europäischen Markt konzipiert wurde, aber auch in Australien und Russland erhältlich sein wird, überhaupt richtet. Wahrscheinlich an alle, denen ein SUV zu kompromisslos ist, die im Normalfall eine der besten Reiselimousinen (respektive -kombis) am Markt fahren möchten, aber auch für etwas extremere Situationen gerüstet sein wollen.

Mercedes-E-All-Terrain_6093

Natürlich aber auch an all die Fahrer von Firmenwagen, denen die entsprechende Politik keinen SUV zugesteht. Für jene dürfte auch die zur Markteinführung einzig erhältliche Motorisierung interessant sein. Der 2-Liter Reihen-Vierzylinder des E 220 d 4 MATIC leistet 194 PS und 400 Nm, beschleunigt das gut 1,9 Tonnen schwere Gefährt in 8 Sekunden auf 100 km/h und bringt es auf 232 km/h Spitze. Das reicht im Alltag auf alle Fälle, dynamischen Fahrspaß der Extraklasse allerdings darf man sich hier nicht erwarten.

Mercedes-E-All-Terrain_6087

Und auch der zu einem späteren Zeitpunkt erhältliche 3-Liter V6 im E 350 d 4MATIC zeigt, dass hier durchaus noch ein wenig Luft nach oben wäre. Von Benzinmotoren oder gar einem AMG E 43 All-Terrain möchte bei Mercedes derzeit allerdings noch niemand sprechen. Ein Blick zum Mitbewerb lässt aber dennoch auf weitere Ausbau-Stufen, auch jenseits der 300 PS, hoffen.

Mercedes-E-All-Terrain_5943

Vielsagend übrigens auch das Schweigen auf die Frage, ob wir zukünftig bei der C-Klasse ebenfalls ein All-Terrain Modell erwarten dürfen. Man darf also gespannt sein, ob und was da diesbezüglich in den kommenden Jahren noch so alles auf uns zurollt.

Mercedes-E-All-Terrain_6011

Mein Fazit für heute: die Mercedes E-Klasse All-Terrain vereint das Beste zweier Welten. Sie ist ein komfortables Langstreckenfahrzeug mit erstaunlichen und für die meisten Menschen mehr als ausreichenden Offroad-Qualitäten. Die Optik ist äußerst gelungen, jetzt noch ein paar weitere, potente Motorisierung, und der Spaßfaktor auf und abseits befestigter Straßen ist kaum noch zu toppen.

Mercedes-E-All-Terrain_5942

Mercedes E 220 d 4MATIC All-Terrain am Passmuseum Timmelsjoch

Die Markteinführung des Mercedes E 220 d 4MATIC All-Terrain ist für das Frühjahr 2017 geplant. Die Preise sollen sich dann an denen ähnlich ausgestatteter E-Klasse T-Modelle (Basis Avantgarde) zzgl. 4MATIC und Air Body Control orientieren.

Mercedes-E-All-Terrain_5784

Mercedes E 350 d 4MATIC All-Terrain in Kühtai 

Fotos & Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2016

 

 

 Ihre Meinung interessiert uns