by R-L-X

Schon seit seiner Gründung im Jahr 1865 gilt Zenith als höchst innovativ und fortschrittlich. Heute präsentiert man in Le Locle eine Neuheit, die man als Quantensprung im Bau mechanischer Uhren bezeichnen könnte. 

Im Jahr 1673 beschrieb der niederländische Astronom, Mathematiker und Physiker Christiaan Huygens, in seinem Werk „Horologium Oscillatorium“ die Grundzüge einer höchst ganggenauen Pendeluhr.

Zwei Jahre später stellte Ignace-Gaston Paradies, ein französischer Mechanicus und Naturwissenschaftler, der mit Newton in Verbindung stand, seine Theorie vom „Isochronismus mechanischer Schwingungssysteme“ unter Nutzung  von Spiralfedern an der Französischen Königlichen Akademie der Wissenschaften vor. Diese Grundprinzipien finden noch heute, über 340 Jahre später,  in nahezu jeder mechanischen Uhr Anwendung.

Doch warum? Geht es technisch bzw. mechanisch nicht besser?

Es dauerte 342 Jahre bis Guy Sémon, Mathematiker, Physiker und Ingenieur der Luft- und Raumfahrttechnik für Zenith die mechanische Uhr erstmals von Grund auf mathematisch berechnet und mit den Methoden der „Advanced Mechanics“ neu entwickelt hat. Der daraus entstandene neue Gangregler der Zenith Defy Lab geht weit über die Möglichkeiten der bisher genutzten Technologien und Materialien hinaus.

Die Frage, die sich bei solchen Neuentwicklungen immer stellt ist die, ob der Fortschritt auch einen spürbaren Vorteil für den Träger einer solchen Uhr mit sich bringt? Nicht immer, oder anders ausgedrückt: nur selten ist das so. Im Fall der Zenith Defy Lab lässt sich diese Frage konsequent mit einem klaren „Ja“ beantworten.

Durch den nun gewählten naturwissenschaftlichen und absichtlich nicht uhrmacherischen Ansatz der Berechnung und Erforschung der mechanischen Uhr und dem konsequenten Einsatz modernster Materialien und Technologien u.a. aus dem Bereich der „Advanced Mechanics“ ist es Guy Sémon und seinem Team gelungen, das Herzstück der mechanischen Uhr vollkommen neu zu konstruieren. Eckdaten wie eine Frequenz von unglaublichen 15 Hertz bei einer Amplitude von +/- 6 Grad, die über den neuen Zenith-Oszillator realisiert werden, zeigen dies anschaulich. Es ist also keine Weiterentwicklung einer bestehenden Technologie. Es ist ein vollkommen neuer, serienreifer Ansatz.

Dieser neue Gangregler besteht aus lediglich zwei monokristallinen Silizium-Bauteilen. Diese zwei Bauteile bedürfen zudem weder eine Nachbearbeitung noch einer weiteren Oberflächenbearbeitung. Sie sind derart präzise gefertigt, dass sich eine Nachbearbeitung geradezu verbietet. Da auch eine Schmierung der Bauteile nicht notwendig ist reduziert sich der Wartungsaufwand dieses Mechanismus erheblich. Für den Besitzer einer solchen Uhr bedeutet das weniger Revisionsaufwand und eine sehr lange gleichbleibende, hohe Ganggenauigkeit.

Die Zenith Defy Lab ist die präziseste mechanische Serienuhr der Welt. Die durchschnittliche Gangabweichung der Defy Lab (in den verschiedenen Lagen nach ISO-3159) beträgt +/- 1 Sekunde pro Tag aufgezeichnet über 48 Stunden. Niemals zuvor in der Geschichte der Zeitmessung hat eine mechanische Armbanduhr in Serienproduktion diesen Grad an Präzision erreicht.

Und das bei jeder einzelnen Uhr, ohne das diese aufwändig einreguliert werden muss. Der neue Mechanismus bringt diese Präzision von sich aus mit.

Mit der Defy Lab präsentiert Zenith das vollkommen neu entwickelte Kaliber 342. Das Automatik-Kaliber mit einem Durchmesser von 32,8 mm und einer Bauhöhe von 8,13 mm zeigt gleich auf den ersten Blick seine revolutionäre Besonderheit: den zifferblattseitig platzierten und  nur 0,5 mm hohen Zenith-Oszillator.

Im Gegensatz zur Hemmung und dem Regulierorgan einer herkömmlichen Uhr mit ihren über 30 Einzelteilen und etwa 5 mm Bauhöhe entwickelte Guy Sémon für die DEFY Laboratory ein System, das bei wesentlich optimierter Funktionalität gerade einmal aus zwei monolithischen, inhouse gefertigten Bauteilen besteht. Das Regulierorgan mit seinen Einzelteilen wie Unruh, Spirale, Rücker, Reguliergewichten, Lager, Stoßsicherung sowie der Anker wurden im Kaliber 342 in einem einzigen Bauteil aus monokristallinem Silizium vereint.

Die Dimensionen der Strukturen, teilweise dünner als ein menschliches Haar, werden im folgenden Bild im Größenvergleich mit einer ½ Franken Münze deutlich.

Die Entwicklung des Zenith-Oszillators (genau genommen sind es drei Oszillatoren in den Kreissegmenten (jeweils in der Horizontalen individuell beweglich) vereint in einem Bauteil) beanspruchte mehrere Jahre intensiver Grundlagenforschung. Der Oszillator ist ausschließlich in der Horizontalen beweglich, so dass er schwingen kann. In allen anderen Dimensionen ist das Bauteil absolut steif. Stößt man den einzelnen Oszillator, gehalten mit einer Pinzette an, so schwingt er ohne weitere Energiezufuhr mehr als 30 Sekunden nach. Der Anker (s. das vorletzte Bild oben, die beiden Zähne) ist ebenfalls Teil dieses einen Bauteils.

In Verbindung mit dem neuartigen Ankerrad, das ebenfalls aus monokristallinem Silizium besteht,  realisierte Guy Sémon mit seinem Team erstmals seit Huygens eine vollkommen neuartige und erheblich optimierte Art der Hemmung einer mechanischen Uhr.

Die Vorteile von Silizium als alleiniges Material für das Regulierorgan der Defy Lab liegen auf der Hand. Silizium ist nicht durch Magnetfelder beeinflussbar. Ähnliches gilt für Temperaturschwankungen, die sich beim Silizium wesentlich weniger stark auswirken als bei Metalllegierungen.

Oszillator und Ankerrad sind höchst präzise aus jeweils einem Stück identischen Materials gefertigt. Wir sprechen hier also über einen nahezu reibungsfreien Oszillator, der aus diesem Grund auch keine Wartung benötigt. Die Bauhöhe des Zenith-Oszillators beträgt gerade einmal 0,5mm, bei absoluter Funktionssicherheit.

Und so lässt Zenith die Defy Lab gleich dreifach zertifizieren:

  1. als “Tête de vipere” Chronometer vom Observatorium Besançon im Auftrag des Internationalen Büros für Maße und Gewichte.
  2. Die Magnetfeldresistenz des Regulierorgans der Defy Lab wird nach ISO-764 zertifiziert. Die fertige Uhr übertrifft dabei die Anforderungen der ISO-764 um das 18fache. Anders ausgedrückt verfügt die Defy Lab über eine Magnetfeldresistenz von 88.000 Ampere/Meter oder 1.100 Gauss. Und dass, obwohl Zenith gänzlich auf das sonst bei magnetfeldresistenten mechanischen Uhren übliche spezielle Innengehäuse zur Abschirmung des Uhrwerks verzichtet.

  1. Die Unempfindlichkeit der Defy Lab gegenüber Temperaturschwankungen wird nach ISO-3159 zertifiziert. Dabei zeigt die Defy Lab maximale Abweichungen von 0,3 Sekunden pro Tag und pro Grad Celsius. Diese Abweichungen sind weniger als halb so hoch als in der ISO-3159 zulässig. Zenith prüft die Defy Lab zudem in einem deutlich erweiterten Temperaturspektrum von -7°C bis +53°C (im Gegensatz zu den üblichen +8°C bis +38°C).

Die simple und zugleich geniale Funktion der Zenith Defy Lab lässt sich im folgenden Video (in slow motion) gut erkennen.

Link zum Video

Zenith bietet die Defy Lab zunächst in einer auf zehn Uhren limitierten Edition an, die eingefleischten Zenith-Aficionados angeboten worden ist. Kaum verwunderlich: innerhalb weniger Stunden waren die zehn Uhren im Aeronith-Gehäuse, einem neuartigen leichten und dabei höchst stabilen Aluminium-Composit, ausverkauft. Nicht zuletzt, weil zu der Uhr auch zwei exklusive Reisen zum Launch der Defy Lab nach Le Locle und zur Übergabe der eigenen Uhr gehören.

Diese Übergabe erfolgt durch Jean-Claude Biver, durch den Zenith-CEO Julien Tornare und durch den Entwickler der Uhr, Guy Sémon, im Rahmen eines privaten Abendessens, bei dem Jean-Claude Biver auch önologische Schätze aus seinem eigenen Weinkeller präsentieren wird.

Doch Zenith präsentiert hier nicht nur die präziseste mechanische Uhr aller Zeiten.

Man geht auch einen konsequenten Schritt in Richtung neuer Fertigungsmethoden und –verfahren, denn die Herstellung des neuen Oszillators hat mit den mächtigen, lauten, den typischen Ölgeruch verströmenden CNC-Maschinen nichts mehr gemein.

Eher schon mit der Fertigung von Computer-Chips.

Der neue Gangregler soll nun noch in der Größe verändert werden und künftig in weiteren Zenith-Uhren zum Einsatz kommen. Angemerkt werden muss auch, dass Jean-Claude Biver das Research & Development Institute der LVMH Watch Division gegründet hat, dem Guy Sémon vorsteht. In dieses Institut, das weltweit mit Universitäten wie der BYU in Utah zusammenarbeitet, fließen alle Erfahrungen der drei Uhrenmarken Zenith, Hublot und TAG Heuer. Die klügsten Köpfe dieser Marken forschen hier in den Bereichen neue Materialien und neue Technologien zusammen und entwickeln Lösungen, die dann allen Marken zur Verfügung stehen, ohne dass die Marken dabei ihre typischen Merkmale verlieren sollen.

Der versierte Leser wird sich auch fragen, was den neuen Zenith Oszillator von bereits bekannten, neuartigen Lösungen wie denen von Vaucher/Parmigiani (Senfine), Ulysse Nardin (Silicon Anchor Escapement), Girrard Perregaux (Constant Force Escapement) oder Domoniqe Renaud (DR01 Twelve First) unterscheidet.

Die Antwort ist einfach und dreigeteilt.

  1. Die Zenith Defy Lab ist eine serienreife Uhr und keine futuristische Idee im Konzeptstadium.
  2. Die Konstruktion ist genial einfach und so absolut funktionssicher. Zwei schmierungsfreie Bauteile ersetzen über 30 Bauteile der herkömmlichen Hemmung nach Huygens.
  3. Die Konstruktion stellt einen vollkommen neuen Ansatz ohne jedwede Anlehnung an die Prinzipien von Huygens dar.

Natürlich kann man darüber streiten, ob die neue Technologie hinsichtlich der optischen Erscheinung mit herkömmlichen mechanischen Lösungen mithalten kann. Von Hand gravierte Unruhkloben sind hier eher nicht zu erwarten.

Aber Zenith geht es mit der Defy Lab sicher nicht um den Gewinn eines Schönheitswettbewerbs. Es geht eher darum, die mechanische Uhr zukunftsfähig zu machen.

Und das geht nur, in dem man die mechanische Uhr für ihren Besitzer genauer, wartungsärmer und funktionssicherer macht. Und das auch für die breite Masse bezahlbar und nicht nur für einige wenige Menschen mit dem notwendigen Kleingeld.

In meinen Augen ist dies Zenith bestens gelungen. Der neue Gangregler stellt zudem nur den ersten Schritt in Richtung Zukunft des Uhrenbaus dar. Die nächsten Schritte sind bereits in der Entwicklung und wir dürfen zurecht gespannt sein, was uns Zenith als höchst innovative Marke aus Le Locle demnächst noch präsentieren wird.

Die Zukunft hat begonnen!

 

Fotos: © Zenith (19), Sascha Glistau (11)
Video & Text: © Sascha Glistau 2017

 

 

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