Die Rolex-Welt, das lernte ich früh, lässt sich im Grunde in zwei Gruppen von Menschen unterteilen: diejenigen, die eine Sea-Dweller über alle Maßen lieben, für die sie die beste, ja vielleicht einzige Tool-Watch überhaupt ist, und jene, die in diesem kopflastigen Monstrum das unnützeste Stück Edelstahl sehen, welches die heiligen Stadttore von Genf jemals passiert hat.

Vorgängermodell: Rolex Deepsea, Ref. 116660, seit 2014 auch mit dem „Cameron“ Blatt erhältlich

Rolex Sea-Dweller – not my cup of tea

Dies vorweggenommen sei gesagt: ich gehöre zur letztgenannten Spezies. Dabei habe ich das mit der ach so tollen Taucheruhr schon frühzeitig versucht! Bereits 2003 konnte ich die erste Sea-Dweller mein Eigen nennen. Was folgte, waren etliche Versuche, mehrfach mit der Vintage-Referenz 1665, ganz kurz, ganz ganz kurz, mit deren Nachfolgerin, der 16600, der großen „Triple-Six“ Deepsea, zum Schluss noch einmal mit der 1665, wieder ohne nachhaltigen Erfolg.

Facelift: Rolex Deepsea, Ref. 126660 mit neuem Werk und feinen Änderungen

Nein, die Sea-Dweller und ich, das war und ist eine Geschichte, geprägt von elendem Scheitern. Und ja, wenn es noch eines weiteren Beweises dafür bedarf, dass in den Adern der in Basel 2017 vorgestellten Little Big Red Sub, der 126600, eben KEINE Sea-Dweller-DNA fließt, dann findet man diesen in meiner nach wie vor anhaltenden Freude an jener Uhr.

The One and Only: Rolex Sea-Dweller, Ref. 126600 – The „Little Big Red Sub“

Was ist überhaupt eine Sea-Dweller? Und – wer trägt sowas?

Das bringt uns also zum allentscheidenden Punkt: was ist überhaupt eine Sea-Dweller? Eine Sea-Dweller ist eine in der Höhe aufgeblasene Submariner mit Datum, allerdings ohne Datumslupe. Sie vereint somit alles, was man eigentlich an seinem Handgelenk – nicht – haben möchte. Einen Stahlklotz, mit dem man überall anstößt, kopflastig, dafür mit einem Datum, welches man mit fortgeschrittenem Alter kaum noch ablesen kann. Na Bravo!

Baut verdammt hoch: die 126660 am Handgelenk

Das mit dem fortgeschrittenen Alter nun bringt uns zu Frage Nummer 2: wer kauft so ein Ungetüm? Ein Name ist mit der Sea-Dweller untrennbar verknüpft: COMEX, eine französische Gesellschaft, spezialisiert auf Expeditionen in die Tiefsee. Ja, die Sea-Dweller ist eine Taucheruhr. Nun könnte man also meinen, Zielgruppe seien überwiegend Taucher. Doch weit gefehlt.

Die Rolex Deepsea der zweiten Generation mit D-blue Zifferblatt

Der Autor und die wilden 90er – wer will das wissen?

Machen wir einen kurzen Ausflug in meine horologische Jugendphase. Schon vor gut 20 Jahren nämlich, konnte man eine klare Tendenz beobachten. Eine Rangordnung der Rolex Taucheruhren sozusagen. Und die war eigentlich recht einfach. Es gab die Submariner Date. Standardausstattung für jeden, der Ende der 90er zeigen wollte, dass er es zu etwas gebracht hat. Champagner in der Disco, die 16610 locker am Handgelenk baumelnd, jede Menge Mädels um sich herum. Lief!

Fliplock Verlängerungselement von der Nähe

Dann gab es die Submariner ohne Datum. Die zeigte, dass man auch dazugehören wollte, es zwar schon auch irgendwie zu was geschafft hatte, aber damit halt dann doch nicht ganz so erfolgreich war. Zumindest aber konnte man in dieser Position noch auf die Fraktion der Tudor Submariner Käufer herabblicken. „Schaut genauso aus, ist aber günstiger“ hörte man da meist als Argument, schön umschrieben für „mehr war halt einfach nicht drin“.

In die Breite gewachsen: Schließe der 126660

Ja, und dann gab es die Träger einer Rolex Sea-Dweller. Die Sea-Dweller war teurer als Submariner und Submariner Date – und sie war entsprechend seltener. Doch der Preis war mit Nichten das treibende Argument bei der Sache. Es ging um – Funktion! Denn die Sea-Dweller mit ihrer rund 4x so großen Tauchtiefe war DIE richtige Taucheruhr. Submariner? Nur Poserei für die Disse. Der wahre Uhrenkenner trug eine Sea-Dweller und wurde auch nicht müde, dies mit stets leicht arrogantem Blick immer und immer wieder zu betonen. Meine erste Rolex zu jener Zeit übrigens war eine Submariner. Eine No Date, Ref. 14060. Vielleicht dient dieser Artikel also auch nur der Kompensation von Komplexen meiner Jugendzeit. Wer weiß, wer weiß?

DER Uhr!?

Back to Topic! Die Rolex Deepsea, Jahrgang 2018

Egal. Wichtiger: wie bekomme ich jetzt den Bogen zum Objekt meines heutigen Reviews? Vielleicht, damit, dass sich die Argumentationsketten in den vergangenen Jahren nur marginal geändert haben. Für den gemeinen Deepsea-Träger ist die Ref. 116660 DIE Uhr. Manchmal liest man in Zusammenhang mit den Sea-Dwellern auch von DER Uhr. Hiermit soll die ach so maskuline Note dieser „Ausnahmeuhr“ unterstrichen werden. Nun, wenn’s schön macht…

Harmonischeres Gesamtbild: Rolex Deepsea, Ref. 126660

Schön macht’s nicht. Nicht den Träger – und schon gar nicht die Uhr. Die Deepsea war seit Anbeginn der Gipfel der Sea-Dweller-Modelle, sprich auch der Gipfel der Untragbarkeit. Viel zu hoch, viel zu kopflastig, ein irrwitzig dünnes Bändchen, welches die Uhr zu einer Karikatur ihrer selbst werden ließ. Eine Lächerlichkeit fürs Handgelenk.

Rolex Deepsea, Jahrgang 2008-2018: dünnes Band an dickem Gehäuse

Und dennoch: gerade dieses Modell verströmt einen gewissen Reiz, dem sogar ich mich nicht entziehen kann. Denn sie ist so kompromisslos unförmig, dass sie tatsächlich Charakter zeigt. Wenn eine Uhr im Rolex Sortiment dem Gedanken „Form follows Function“ folgt, dann ist es die Deepsea. Und ja, auch ich bekomme immer wieder ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich eine an fremden Handgelenken erblicke. Nicht, weil der Anblick so lächerlich ist, sondern weil ich die Uhr irgendwie mag. Meine habe ich dennoch verkauft. Denn sie ist und bleibt – untragbar. Außer vielleicht für den Greifarm eines Tauchroboters.

Gelungene Bandanstöße und schmalere Hörner beim neuen Modell

Die größte Überraschung der Baselworld

Seit vorletztem Jahr nun gibt es eine Neuauflage der Deepsea. Eine zweite Generation sozusagen. Getreu der aktuellen Rolex-Nomenklatur ändert sich die Referenznummer von 116660 auf 126660, was auch bedeutet, dass eines der sogenannten Next Generation Uhrwerke Einzug in die Extremtaucherreihe erhält. Und ganz ehrlich: dass dem so ist, war mit Abstand die größte Überraschung der damaligen Baselworld!

Weiterhin dabei: die komplexe, exklusiv für die Deepsea erhältliche, Glidelock Verlängerung

Wie auch schon bei der 126600 im Jahr zuvor, erhalten auch die 126660 Modelle das Kaliber 3235, welches sich unter anderem durch eine höhere Präzision, größere Unempfindlichkeit gegenüber Magnetfeldern, höhere Stoßfestigkeit, vor allem aber eine Gangreserve von rund 70 Stunden auszeichnet.

Nix zu sehen: das neue Kaliber 3235 versteckt sich hinter dem Titanboden

Die neue Deepsea ist wieder in zwei Versionen erhältlich, wie bislang kann man zwischen einem mattschwarzen und dem D-Blue genannten blau-schwarzen Verlaufsblatt wählen. Auch die Größe von 44 Millimetern Durchmesser wurde übernommen. Was also ist neu an der neuen Deepsea?

Gesprenkel: Druckbild des aktuellen D-blue Blatts

Neue vs. alte Deepsea – wo liegen die Unterschiede?

Zugegeben, man muss schon sehr genau hinschauen. Beginnen wir bei der Lünette. Diese wurde von der flacheren 126600 „Single-Red“ übernommen. Die Leuchtperle steht nun nicht mehr aus der Lünette hervor. Ein keineswegs gar so unwichtiges Detail, denn ihre exponierte Lage sorgte im ein oder anderen Fall schon für kostspielige Reparaturen nach „Feindkontakt“. Auch scheint das vertikale Spiel der Konstruktion überarbeitet.

Fein in die Cerachrom Lünette integrierte Chromalight-Leuchtperle

Das Gehäuse weist nun einen geänderten Schliff auf, die Hörner sind merkbar dünner geworden, was in erster Linie den in der Breite auf 22 Millimeter gewachsenen Bandanstößen zu verdanken ist.

Schmälere Hörner an der Deepsea 2018

Die Bandanstöße – bei ihnen haben sich die Entwickler von Rolex augenscheinlich so ihre Gedanken gemacht. So sind sie nicht nur breiter, auch ihr Verlauf hat sich geändert. Standen sie bei seitlicher Betrachtung bislang deutlich über die Gehäusehörner hinaus, schließen sie nun bündig ab. Das wirkt nicht nur gefälliger, die Uhr verliert so auch ein wenig an Länge, was speziell zukünftige Deepsea-Träger mit schmaleren Handgelenken schätzen werden.

Perfekt optimiert: das neue Band der Rolex Deepsea

Rolex Deepsea 126660 – durchdacht bis ins Detail

Kleines, aber feines Detail: schon die ersten Anschlussglieder verjüngen sich, halten Abstand von den Hornspitzen des Gehäuses. Selbst sollte das Band also auf Grund Altersschwäche irgendwann einmal etwas ausgeschlagen sein, droht so keine Gefahr des Materialverlusts am Gehäuse selbst.

Sicher ist sicher: die Bandglieder halten Abstand zum Gehäuse

Im Gegensatz zur Vorgängerreferenz verjüngt sich das Oysterband insgesamt auch deutlich gleichmäßiger und endet in einer nun ebenfalls verbreiterten Schließe. Das wirkt weitaus stimmiger als bei der bisherigen Konstruktion, lässt die Kombination von Gehäuse und Band fast schon optimal erscheinen. Dank eines zusätzlichen Halbgliedes lässt sich der Sitz der Schließe darüber hinaus nun auch noch besser anpassen, was ebenfalls zu einem besseren Tragekomfort führen sollte.

Für den perfekten Sitz: neues, halbes Bandelement der Deepsea

Was allerdings bleibt ist die auch weiterhin geradezu exorbitante Bauhöhe der Deepsea. Wie eine unüberbrückbare Mauer trutzt sie am Handgelenk und zeigt unverkennbar, dass auch die Neue eine echte Sea-Dweller ist, eines jener kopflastigen Monstren also, für die es eigentlich schon lange keine Legitimation mehr gibt. Oder – doch?

Mehr Submariner denn Sea-Dweller: die 126600 ist und bleibt meine Nummer 1

Fazit

Kommen wir zu meinem Fazit. Auch wenn in unserem Forum anfangs vortrefflich darüber diskutiert wurde und auch wenn es alle Besitzer der „alten“ Sea-Dweller Deepsea nicht hören, respektive lesen möchten: all die mit dem neuen Modell eingeführten kleinen Änderungen führen zu einem nun auch bis ins Detail sehr stimmigen Gesamtbild dieser Ausnahmeerscheinung unter den Rolex Taucheruhren. Sie machen die Deepsea zu einer „runden Sache“, einer zumindest in der Draufsicht tatsächlich hübschen Uhr. Das Argument, die 126660 habe durch die Neuerungen an Charakter eingebüßt, kann man sicher ein Stück weit gelten lassen, doch bleibt die Frage, ob das gerade bei dieser Uhr wirklich ein Nachteil sein kann. So oder so – in Verbindung mit dem neuen Werk ist sie letztlich die beste Sea-Dweller aller Zeiten. Nicht mehr und nicht weniger.

Rolex Deepsea – die beste Sea-Dweller aller Zeiten

Datenblatt:

  • Modell: Rolex Oyster Perpetual Sea-Dweller Deepsea, Ref. 126660
  • Gehäuse: 44 mm Oystersteel Edelstahl mit Titan-Einsatz im Bodendeckel, wasserdicht bis 3.900 Meter, Saphirglas bombiert
  • Zifferblatt: schwarz bzw. blau/schwarzes Verlaufsblatt (D-Blue), Chromalight Leuchtindexe mitUmrandungen aus Weißgold
  • Armband: dreireihiges Oyster Metallarmband, Ref. 98220, massive Elemente in satiniertem Oystersteel Edelstahl, Oysterlock Sicherheitsfaltschließe mit Glidelock-Verlängerungssystem und Fliplock-Verlängerungselement
  • Uhrwerk: Manufakturwerk, Kaliber 3235, Automatik, 28.800 A/H (4 Hz), ca. 70 Stunden Gangreserve
  • Funktionen: Stunde, Minute, Zentralsekunde mit Sekundenstopp, Fensterdatum bei 3 Uhr, einseitig drehbare Cerachrom Keramiklünette mit durchgehender Minuteneinteilung zur Messung von Tauchzeiten.
  • Preis: 11.800 Euro mit schwarzem Blatt bzw. 12.100 Euro mit D-Blue Verlaufsblatt in blau/schwarz (Österreich: 11.850 Euro bzw. 12.150 Euro)
  • Link zum Hersteller: https://www.rolex.com/de/watches/sea-dweller/m126660-0002.html
Fotos: © PCS

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