by R-L-X

Für immer mehr – meist jüngere – Menschen scheint die Uhr am Handgelenk nur noch überflüssiger Ballast zu sein. Ist die klassische Armbanduhr noch zu retten? Die Geschichte von Torben gibt Hoffnung.

Es ist der Satz, vor dem sich Uhrenliebhaber fürchten, ein Satz, den ich in letzter Zeit immer öfter höre: “Uhren? Ich trage gar keine Uhr.” Dass andere die Leidenschaft für teure mechanische Armbanduhren nicht teilen, damit kann ich umgehen. Doch dieser Satz sagt so viel mehr aus. Er lässt mich wie einen Dinosaurier dastehen. Wie jemanden, der etwas hinterherrennt, dessen Zeit (sic!) schon längst abgelaufen ist. Uhren, die Briefmarkensammlung von Morgen?

An Bord der Mein Schiff 4 lernte ich Torben kennen. Auch er las die Zeit lieber von seinem Smartphone ab statt sich irgendwas Lästiges ans Handgelenk zu binden. Was macht man da? Unbewusst fängt man an zu missionieren, zu versuchen, zumindest einen Funken Leidenschaft für das Thema zu wecken, gleichwohl bewusst, dass es rational einfach keine Erklärung gibt, geben kann, die überzeugt.

Mittlerweile kennen Torben und ich uns anderthalb Jahre. Und vor ein paar Wochen erzählte er mir – von einer Uhr! Ernsthaft? Ich konnte meine (Schaden-) Freude kaum verbergen. Ist er also doch “reif”? Hat der Virus ihn gepackt? Hier ist seine Geschichte:

Uhr oder nicht Uhr?

Das letzte Mal, dass ich eine Uhr am Arm getragen habe, ist schon einige Jahre her. Damals hatte ich mir für ein wichtiges Vorstellungsgespräch ein zum Anzug passendes Modell gekauft. Den Job hab’ ich damals bekommen. An der Uhr kann es aber nicht gelegen haben, die hatte ich nämlich zu Hause in der Schublade vergessen.

Um es kurz zu sagen: Mit Uhren hab’ ich es nicht so. Die Zeit kann ich auch auf meinem Smartphone nachschauen und Schmuck (und irgendwie sind Uhren das ja auch) trage ich eh nicht so gern. Selbst mein Ehering liegt (mit Einverständnis meiner Frau) sicher in der Nachttischschublade. Die wenigen Uhren, die ich in meinem Leben besessen habe, habe ich leider auch wieder schnell verloren.

Doch vor einiger Zeit habe ich zufällig eine Uhr entdeckt, in die ich mich auf Anhieb verliebt habe. Die Rede ist von der SLOW JO 03 – ALL BLACK STEEL. Design, Qualität des Materials und vor allem das Konzept hinter der Uhr haben mich überzeugt, es vielleicht doch noch einmal mit einem Chronometer zu probieren. Deswegen habe ich dieses Exemplar (welches mir freundlicherweise vom Hersteller zu Verfügung gestellt wurde) in den letzten Wochen einem ausgiebigen Test unterzogen.

Das Konzept

Schon aus beruflichen Gründen (ich arbeite in der Kommunikationsbranche) weiß ich ein gutes Storytelling zu schätzen. Auch oder gerade weil ich die Mechanismen von Werbung und Kommunikation kenne, kann ich ohne Probleme zugeben, dass gut gemachte Geschichten und damit auch Reklame bei mir funktionieren.

Das Konzept der slow Uhren ist für mich sehr stimmig: zwei Typen aus der Uhren- und Onlinebranche stellen ihr bisheriges (Berufs-)Leben in Frage, wollen dem Hamsterrad entfliehen, mal einen Gang runterschalten, nicht jeder Minute hinterherrennen und was Eigenes machen. Naheliegend war es natürlich, was mit Uhren zu machen und es mit dem Thema Entschleunigung zu verbinden. Das slow-Konzept war geboren.

Ein Zeiger, 24 Stunden. Eine Uhr, die laut slow-Macher „eine grundlegend andere Herangehensweise an die Zeit hat als ein normaler Zeitmesser.“ Mit der slow-Uhr bedarf es schon eines zweiten oder auch dritten Blicks, um die minutengenaue Zeit zu erfassen. Und genau darum geht es ja auch. Nicht jeder Minute hinterherrennen. Das verursacht nur Stress und letztendlich kommt es meist auf ein paar Minuten nicht an. Der Hersteller verspricht trotzdem eine Ablese-Genauigkeit von maximal +- 2 Minuten. Und das passt auch mit meiner Erfahrung der letzten Wochen zusammen. Natürlich mit ein bisschen Übung. Die slow-Macher drücken das Ganze ein bisschen esoterischer aus: „Hiermit siehst Du den gesamten Tag auf einen Blick und Du erlebst die Zeit auf ihre natürlichste Weise. Dadurch wird sich die Art Deine Uhr zu betrachten grundlegend ändern und Du wirst Dein Bewusstsein für den natürlichen Fluss der Zeit wiedergewinnen.“ Hört sich doch gut an, oder?

Achja, so ganz neu ist das Konzept übrigens dann doch nicht. Schon die allerersten Uhren, die auf der Sonnenuhr basierten, nutzten das Prinzip. Aber das ist auch nicht weiter schlimm: Denn auch in der Werbung gilt: „Lieber gut kopiert, als schlecht selbst gemacht.“


Das Modell SLOW JO 03 – ALL BLACK STEEL

Die Uhr (Gehäuse und Armband) besteht komplett aus schwarzem, gebürstetem und natürlich rostfreiem Metall. Durch die Satinierung entsteht eine, wie ich finde, sehr schöne Mattierung im Military-Look. Perfekt für alle, die wie ich, nicht so auf Hochglanz stehen.

Das Design ist sehr reduziert und wirkt dadurch zeitlos. Irgendwie weckt es bei mir Assoziationen in Richtung Design-Ikonen wie Charles Eames oder auch Fritz Hansen. Die Verarbeitung ist, soweit ich es beurteilen kann, sehr hochwertig. Die Uhr ist Swiss Made (auch wenn der Firmensitz der slow-Macher in Hamburg ist), was natürlich per se ein sehr hohes Produktversprechen impliziert. Das Innenleben besteht aus einem hochwertigen Schweizer GMT Quarzuhrwerk.

In den letzten Wochen habe ich die Uhr fast täglich getragen. Es ist mir schon richtig in Fleisch und Blut übergegangen, meine slow morgens ans Handgelenk zu schnallen. Das Armband sitzt perfekt, kein Drücken oder Kneifen, keine Abdrücke nach mehreren Stunden tragen.

Wer in einem Haushalt mit zwei kleinen Kindern lebt, weiß Qualität doppelt zu schätzen. Denn wenn ein Gegenstand in die kleinen Hände fällt, hat er einiges auszuhalten. So auch meine slow Uhr. Den „Härtetest“ hat sie mit Bravour bestanden. Reinbeißen, ansabbern, gegen das Regal hauen und zum Ende der Falltest aus gut 1,50 Meter Höhe – bis auf ein paar kleine Kratzer kein größerer Schaden. Top!

Nur am Verschluss habe ich ein bisschen was zu meckern. Optisch ist dieser eine glatte 1+. Er gliedert sich nahtlos in das Armband ein, so dass es wirkt, als hätte die Uhr gar keinen Verschluss (sicherlich gibt es dafür in Uhrenkreisen einen Fachbegriff). Hier liegt aber auch die Krux für Wurstfinger wie mich. Denn das Armband lässt sich nur von innen öffnen, d.h. man muss mit den Fingern unter das Armband fassen, um die etwas schwergängige Arretierung zu lösen. Das kann auf Dauer etwas nerven.

Mein Fazit

Zusammenfassend kann ich sagen: Mein U(h)rvertrauen ist wiederhergestellt. Ich würde nicht so weit gehen, dass ich meine ganze Lebenseinstellung zum Thema Zeit geändert habe. Dazu bin ich vielleicht einfach nicht esoterisch genug angehaucht oder der Leidensdruck in meinem Hamsterrad ist noch nicht hoch genug. Aber eins steht fest: Durch die slow habe ich wieder richtig Spaß daran, eine Uhr am Handgelenk zu tragen. Um es mit dem von mir sehr geschätzten Heinz Strunck zu sagen: Hier haben die Macher wirklich „geil abgeliefert“. Man kann tatsächlich wunderbar die Zeit ablesen, das puristische Design entspricht genau meinem Geschmack und wenn jemand nach der Uhr fragt, die ich da trage, dann hab’ ich auch noch eine ganze schicke Geschichte über die Natur der Zeit zu erzählen. Was will man mehr?

Infos:

  • Die slow watches gibt es in verschiedenen Größen und Versionen.
  • Die Preise beginnen ab 230 Euro.
  • Die von Torben getestete Slow Jo 03 All Black Steel liegt bei 280 Euro.
  • Mehr Infos unter slow-watches.com.

 

Über den Autor:

Torben Knye schätzt die kleinen Dinge des Alltags. Das kühle Bier auf dem Balkon nach einem langen Arbeitstag, das perfekt gegrillte Steak, der neue Fernseher mit Smart-TV Funktion, der schnelle Espresso unterwegs und einfach der Moment, wenn sein Sohn zu ihm „Ich liebe dich“ sagt – all das kommt seinem Begriff von Luxus ziemlich nahe.

        

Fotos & Text: © Torben Knye 2017
(Einleitung: Percy Christian Schoeler)

 

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