by R-L-X

Vergangenes Jahr präsentierte Porsche die zweite Generation seiner Sportlimousine Panamera. Neben einem deutlich markanteren Äußeren sorgt auch ein neues Bedienkonzept für Aufsehen. Im Test: der Panamera 4S.

Das sieht man höchstwahrscheinlich auch bei Porsche in Leipzig eher selten: gleich acht identische Fahrzeuge stehen in den Auslieferungsboxen, als ich zur Fahrzeugübergabe erscheine. Acht tiefschwarze Porsche Panamera 4S – was für ein Anblick!

Übergabeboxen bei Porsche in Leipzig

Warum ich hier bin? Das gibt es hier (Link) noch einmal zum Nachlesen. Viel wichtiger jetzt aber: einer der acht Panamera, das ist meiner! Ok. Nur für einen Tag, aber immerhin. Ein Instrukteur begleitet mich zu “meinem neuen Auto”, erklärt mir kurz die wichtigsten Details, dann öffnet sich das Rolltor und – los geht’s.

Ziel der Reise: angekommen im Rheingau

Rund 420 Kilometer liegen nun vor mir. Die Route geht über die A9 bis zum Hermsdorfer Kreuz, dann über die A4 vorbei an Jena, Weimar, Erfurt, Eisenach und Bad Hersfeld auf die A5 in Richtung Frankfurt und zu guter Letzt über den Rhein-Main-Schnellweg bis in den Rheingau. Das Wetter? Perfekt. Den ganzen Tag hat’s geregnet, doch jetzt kommt, passend zum Auto, die Sonne raus.

Panamera 4S – nigelnagelneu

Gerne würde ich jetzt schreiben, was den neuen Panamera vom Alten unterscheidet, allein, ich kenne den Alten überhaupt nicht. 911, Boxster, Cayenne, ja sogar 918 konnte ich in den vergangenen Jahren teils schon mehrfach fahren, nur der Panamera und ich, unsere Wege kreuzten sich bislang nie.

Zu Besuch bei Porsche in Leipzig

Das mag daran liegen, dass ich bei Luxuslimousinen bislang nicht unbedingt als Erstes an genau diesen Stuttgarter Hersteller denken musste oder einfach daran, dass mich das Design des Vorgängers, nunja, relativ emotionslos zurückließ.

Beim Neuen nun ist das anders. Moment. Ist es das wirklich? Es ist ja nun nicht gerade so, als hätte ich bei acht schwarzen Panamera heute eine großartige Auswahl, womit ich nach Hause fahre. Man muss halt nehmen, was da ist. Ein wahres Erste-Welt-Problem.

Nein, der Panamera, Jahrgang 2017 (vorgestellt wurde er bereits im vergangenen Jahr) erzeugt schon auf den ersten Blick ein deutliches Haben-wollen-Gefühl. Seine Linien sind muskulös und in jedem Fall unverkennbar Porsche. Dass die Ikone 911 hier Pate stand, daran hat man kaum Zweifel. Das Heck wirkt wesentlich markanter als zuvor und schon allein die Rückleuchten mit ihren Konturen sind wirklich extrem attraktiv.

Ein Blick in die technischen Daten. Und die sind – Downsizing sei Dank – auf dem Papier erst einmal äußerst ernüchternd. Unter der Haube arbeitet im Falle das Panamera 4S ein V6 Benzinmotor mit 2.894 ccm. 2,9 Liter? Da hat ja mein uralter Boxster mehr!

Dank Turbo allerdings kann der Panamera 4S (Grundpreis 115.050 Euro) mit 440 PS und 550 Nm Drehmoment aufwarten, was für eine Beschleunigung von 4,2 Sekunden (mit im Testwagen vorhandenen Sport-Chrono-Paket, ansonsten 4,4 Sekunden), sowie 289 km/h Endgeschwindigkeit sorgen soll.

Dazu gibt es ein neu entwickeltes 8-Gang Doppelkupplungsgetriebe und – natürlich – Allradantrieb. Klingt vielversprechend. Aber: klingt der 2,9 Liter V6 auch vielversprechend? Klar, wer echten V8-Sound will, der wird zum gut 40.000 Euro teureren Panamera Turbo greifen müssen, doch auch das, was beim 4S so herauskommt, ist bereits ohne die aktivierte Klappe der Sportabgasanlage ordentlich nett anzuhören. Ist diese dann aktiviert, blubbert es fast schon unanständig aus den vier Endrohren.

Gestartet wird übrigens mittels eines Drehschalters, der – natürlich – links vom Lenkrad sitzt. Ebenfalls historisch einwandfrei: der große, mittig sitzende, analoge Drehzahlmesser. Rechts und links davon allerdings hat die Moderne Einzug erhalten. Auf den zwei sieben Zoll großen TFT-Monitoren lassen sich die unterschiedlichsten Informationen wie Navigationshinweise, Kraftverteilung des Allradantriebs, einwirkende G-Kräfte oder Rundenzeiten einblenden.

Darüber hinaus thront über der Mittelkonsole noch ein 12,3 Zoll großer Touchscreen, über den so ziemlich jede Fahrzeugeinstellung abrufbar ist. Wirkliche Knöpfe findet man im neuen Panamera hingegen kaum mehr. Die Mittekonsole besteht aus einer einzelnen, dunklen und hochglanzpolierten Fläche. Erst nach Einschalten der Zündung werden die einzelnen Symbole der darunter verborgenen Druckflächen sichtbar.

Cockpit des Porsche Panamera 4S

Das schaut wirklich extrem modern, hochwertig und schön aus. Doch bereits nach wenigen Minuten wird man sich auch der Nachteile eines auf solche Art aufgeräumten Cockpits klar. Denn ein blindes “Ertasten” der einzelnen Druckflächen ist ohne vorhandene Konturen praktisch unmöglich. Somit wandert der Blick jedes Mal von der Straße auf die Mittelkonsole, um den richtigen “Knopf” zu treffen.

Nutzerpanel für die Rücksitze

Mehr noch: bei entsprechend tief stehender Sonne von rechts spiegelt die Fläche derart, dass sich die Symbole überhaupt nicht mehr erkennen lassen. Mag sein, dass der künftige Panamera-Eigner mit der Zeit ein Gefühl dafür erhält, wo er denn wann zu drücken hat, als optimal empfinde ich dieses “function follows form” Design jedenfalls nicht.

Auch dass sich manche Luftdüsen nur bei Betätigung des entsprechenden Menüpunkts – zugegeben fast schon magisch – öffnen, mag zwar ein nettes Gadget sein, von der Funktionalität her ist es aber eher zu viel (respektive zu wenig) des Guten. Und wo wir schon dabei sind: ein wenig mehr Ablagefläche in der Mittelkonsole, oder eher überhaupt eine Ablagefläche für Handy & Co., liebe Porsche Designer, wäre schon nett gewesen.

Große Klappe: der Panamera 4S verfügt über 500 Liter Kofferraumvolumen, bei umgeklappter Rückbank sind’s sogar 1.340 Liter

So. Genug jetzt mit der Kritik. Viel mehr fällt mir diesbezüglich aber sowieso nicht mehr ein. Das Fahren mit dem Panamera 4S nämlich ist – ein Traum! Auf schnellen Autobahnstrecken ist die 5,05 Meter lange und 1,94 breite Limousine voll in ihrem Element. Die Assistenzsysteme sorgen für ein stressfreies Fahren, insbesondere bei stockendem Verkehr, die Sitze kann man auch nach Stunden einfach nur als super bequem bezeichnen.

Recht bequem geht’s auch auf den Rücksitzen zu – mehr Platz bietet der 15 cm längere Executive

Mein besonderes Highlight wird auf dieser Fahrt schnell der so genannte Sport Response Button. Dieser liegt in der Mitte des Wählrädchens für die Fahrprogramme (Normal, Sport, Sport Plus und Individual), sozusagen an der 4-Uhr-Position des Lenkrads.

Drückt man ihn, mobilisiert der Panamera für die Dauer von 20 Sekunden die maximal mögliche Kraft. Beim folgenden Kick-Down schaltet das PDK sofort in den bestmöglichen Gang, die Elektronik geht in einen noch dynamischeren Modus als das bei Sport Plus sowieso schon der Fall ist und lässt die Gänge extrem weit ausdrehen.

Als Insasse fühlt sich das an, als hätte sich auf einmal ein zusätzlicher Elektromotor eingeschaltet. Geradezu abartig drückt es mich in den Sitz und ich muss vor Freude spontan loslachen. So in etwa muss es sich in der Formel 1 mit einsetzendem KERS anfühlen. Ein riesiger Spaß!

Ein nicht ganz billiger allerdings auch, denn der 75 Liter Tank fordert nach wiederholtem Einsatz meines neuentdeckten “Spaß-Buttons” schon nach rund 400 Kilometern weitestgehend freier und unbegrenzter Autobahnfahrt unbarmherzig Nachschub ein. Offiziell liegt der Kraftstoffverbrauch kombiniert übrigens bei 8,1 Litern. Wer es nicht übertreibt, kommt also mit einer Tankfüllung wirklich deutlich weiter als ich.

Auf dem kurzen Weg zur abschließenden Fotolocation kann ich den Panamera 4S dann auch noch einmal auf der Landstraße genießen. Die Straßenlage ist für ein Auto dieser Größe fast schon phänomenal und ums ein oder andere Mal wähne ich mich eher in einem 11er denn in einer Luxuslimousine für vier Personen. Einzig die deutlich größere Breite lässt sich nicht kaschieren und so wird es auf den schmalen Straßen entlang der Weinberge des Rheingau schon einmal etwas enger.

Mein Tag mit dem Panamera 4S endet schließlich, wie der der übrigen sieben Tiefschwarzen aus der Leipziger Fabrik, bei der Mietwagenrückgabe. Viel zu kurz war er, längst nicht alles konnte ich in den wenigen Stunden testen, aber wer weiß, vielleicht gibt’s ja bald schon ein Wiedersehen. Denn irgendwas sagt mir, der Panamera und ich, unsere Wege haben sich heute zum ersten, sich aber nicht zum letzten Mal gekreuzt.

Mein Fazit: der Porsche 911 für die ganze Familie – diesem Anspruch wird der Panamera in seiner zweiten Generation durchaus gerecht. Als 4S überzeugt er mit ordentlicher Leistung, satter Straßenlage und einem tollen Design. Einzig das Bedienkonzept mit seinen einzelnen Druckflächen konnte mich, zumindest in der Kürze der Zeit, noch nicht wirklich restlos überzeugen.  

Datenblatt:

  Porsche Panamera 4S
Motor 2,9-Liter-V6 Biturbo
Hubraum 2.894 ccm
Leistung 324 kW (440 PS) bei 5.650 – 6.600 / min
Drehmoment 550 Nm bei 1.750 – 5.500 / min
Antrieb Allrad
Getriebe PDK 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Beschleunigung 4,4 / 4,2* s (0-100 km/h)
Höchstgeschwindigkeit 289 km/h
Maße (L x B x H) 5.049 x 1.937 x 1.423 mm
Leergewicht (DIN) 1.870 kg
Grundpreis (lt. Preisliste) DE: 115.050 Euro (AT: 135.981 Euro)

* mit Sport-Chrono-Paket

 
Fotos & Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2017

 

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