by R-L-X

Die Patek Philippe Nautilus feiert 2016 ihren 40. Geburtstag. Zu diesem Anlass stellte die Genfer Manufaktur vergangenen Monat zwei Jubiläumsmodelle vor. Seither sorgen 5711/1P und 5976/1G für ordentlich Gesprächsstoff. Ein Review zweier Ausnahmeuhren.

Anfang Mai, die Uhrenwelt diskutierte noch immer über die ein oder andere Neuheit der Baselworld, ließ die Anzeige eines Juweliers die Herzen aller Patek Philippe Sammler höherschlagen. Von einem Geburtstagsmodell anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Nautilus war da die Rede und davon, dass jenes im Herbst erscheinen solle.

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Jubiläumsmodell: die 5711 in Platin

Vermutet war so ein Sondermodell schon eine ganze Weile, nun also die Bestätigung von zumindest halb-offizieller Seite. Als Folge ließen sich die Fans des ikonischen Sportmodells zu wilden Spekulationen hinreißen, was man denn da nun zu erwarten habe. Die Vorfreude, das konnte man in den darauffolgenden Monaten merken, war groß.

Dann kam der 3. Oktober. Der Tag der Präsentation sogar gleich zweier Jubiläumsmodelle. Am Tag der Deutschen Einheit war man sich nicht nur in Deutschland einig: das was Patek Philippe da zeigte, das war weit weg von allen Erwartungen. Für einige eine Enttäuschung, für manche gar – nicht weniger als der Untergang der ruhmreichen Manufaktur.

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So viel Emotion? Was hatte man in Genf verbrochen? Statt einer wie von vielen erwarteten Neuauflage der Referenz 3700/1A, der legendären ersten Nautilus, der Jumbo aus dem Jahre 1976, schlicht, mit zwei Zeigern und aus Stahl, ist das Jubiläumsmodell eine 5711 in Platin geworden. Mit äußerst präsentem Jubiläumsschriftzug auf dem Zifferblatt. Auflage: 700 Stück, Preis: 102.024 Euro.

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Platin oder Stahl ? Heiß begehrt ist die Nautilus in beiden Varianten

Mehr noch, ein zweites Jubiläumsmodell, die 5976, ein Chronograph in Weißgold, bringt es gar auf eine Auflage von 1.300 Stück bei einem Preis von 86.720 Euro.

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Nautilus Jubiläums-Chronograph 5976 in Weißgold

Zu groß, zu auffällig, zu teuer, zu hässlich. So lassen sich die Reaktionen des 3. Oktober und der folgenden Tage zusammenfassen. Mein Kommentar damals: “Müsste man mal live sehen. Wird aber wahrscheinlich nie passieren…”

Nicht ganz zwei Monate später bin ich auf dem Weg nach Genf. Auf dem Programm: eine kurze Führung durch die heiligen Hallen in Plan-les-Ouates mit anschließendem Fotoshooting der beiden Nautilus Jubiläums-Modelle. WOW!

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Striktes Fotoverbot in der Manufaktur. Aber – eines geht schon…. 

Reden wir also hier und heute in diesem Review Tacheles. Wie furchtbar sind 5711/1A-001 und 5976/1G-001 wirklich? Und wie steht es nun tatsächlich um die ehrwürdige Patek Philippe?

Gut, könnte man auf den ersten Blick meinen. Die Baugrube entlang des Chemin du Pont-du-Centenaire ist groß, hier entsteht das neue Gebäude, in dem zukünftig verschiedene derzeit noch ausgelagerte Produktionen vereint werden sollen. Andererseits – die Planungen für das neue Gebäude, sie wurden lange vor dem 3. Oktober 2016 begonnen. Da konnte man die Reaktionen auf die neuen Nautilus Modelle noch nicht erahnen. Das kann also kein Maßstab sein.

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Faszinierendes Blau

Doch auch im Inneren der Manufaktur scheint alles seinen gewohnten, entspannten Gang zu gehen. Die Uhrmacher arbeiten an ihren Schleppzeigerchronographen, die Grandmaster Chime lässt ihr zauberhaftes Stundenläuten erklingen, in der Serviceabteilung wird an Ersatzteilen für alte Taschenuhren gefeilt. Alles so, als wäre nichts geschehen. Ja wissen die Mitarbeiter denn hier gar nicht, welches Unheil sich in den Weiten des Internet über ihnen zusammenbraut?

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Gewohntes Nautilus-Band mit Sicherheitsbügel

Zeit für mein Fotoshooting. Es geht in den Keller, zu einem Raum der so versteckt liegt, dass ich das Gefühl habe, der erste Manufaktur-Besucher zu sein, der es hierhin schafft. Aber Halt! Könnte schließlich auch eine Falle sein. Würde ich jetzt also die Konsequenzen für all das zu spüren bekommen, was unsere Foren-Diskussion in Genf ausgelöst hat? “Da ist er, aber bitte: jeder nur einen Stein.” ? Nein, in diesem Kellerraum warten – meine zwei heutigen Models.

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Etwas umständliche Doppelfaltschließe, auch diese in Platin ausgeführt

Als erstes ist die 5711 an der Reihe. Die gibt es nun zum ersten Mal in Platin. Zumindest ganz offiziell, denn die bisherige, in sehr kleinen Stückzahlen produzierte Variante fand nie den Weg in den Katalog.

Als Vergleich gesellt sich zur 5711/1P das Stahlmodell 5711/1A dazu. Was sofort auffällt: so begehrt die Stahlversion weltweit auch ist, im direkten Vergleich zum Platinmodell würdigt man sie sehr schnell keines Blickes mehr. Gegen die Strahlkraft des Platins wirkt Stahl geradezu langweilig und auch beim Blatt lässt das Jubiläumsmodell die Serienversion hinter sich.

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Für etwas Verwirrung sorgte bei der Präsentation des Jubiläumsmodells die Größe. Von 44 Millimetern war da zu lesen, von einer einer neuen Größe, 2 Millimeter größer als beim Ursprungsmodell.

Das klingt zugegebenermaßen missverständlich. Fakt ist, dass die 5711/1P das Gehäuse der anderen 5711-Modelle übernimmt. Sie misst 40 Millimeter, nimmt man den Durchmesser von 10 nach 4 Uhr gemessen als Referenz. Die 2 Millimeter mehr im Vergleich zur alten Jumbo von 1976 sind Nautilus-Träger also schon eine ganze Weile gewohnt.

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Typische Ausbuchtung, resultierend aus der anfänglich zweiteiligen Bauweise des Gehäuses

Die einzige Änderung am bis 120 Meter wasserdichten Gehäuse ist der lupenreine Top Wesselton Diamant von ca. 0,02 Karat, der in der Lünette oberhalb des Bandanstoßes bei 6 Uhr sitzt und bei Patek Philippe schon seit geraumer Zeit untrüglicher Hinweis auf das edle Material ist.

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Keine Veränderungen beim Werk. Das Automatikkaliber 324 S C mit 28.800 Halbschwingungen und einer Gangreserve von 35 bis 45 Stunden kennen wir ebenfalls aus den anderen 5711 Referenzen. Auch hier bürgt das Patek Philippe Siegel für höchste Qualität, schönste Finissierungen und eine Gangabweichung von maximal -3 / +2 Sekunden.

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Nein, der größte Unterschied betrifft das Zifferblatt. Hier fallen zunächst die Indexe auf, die aus zwölf in Weißgold gefassten Baguette-Diamanten bestehen. Nein. Eigentlich fallen die zunächst erst einmal gar nicht auf. Erst beim näheren Hinsehen bemerkt man, dass bei den Indexen “irgendwas anders” ist als normal. Dezenter kann man Diamanten nicht einsetzen.

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Am auffälligsten ist im Grunde das Datumsfenster, welches beim Jubiläumsmodell von einem polierten Weißgold-Rahmen eingefasst ist.

Das Zifferblatt selbst besteht aus 18-karätigem Gelbgold und wird im PVD-Verfahren in einem dunkelblauen Hell-Dunkel-Verlauf beschichtet. Das für die Nautilus typische horizontale Prägedekor wird in der unteren Hälfte durch den ebenfalls geprägten Jubiläums-Schriftzug unterbrochen.

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Der Jubiläums-Schriftzug. Nichts erregte die Gemüter an jenem 3. Oktober so sehr wie diese zehn Ziffern. Eine große “40”, gefolgt von den Jahreszahlen “1976 – 2016” ist dort zu lesen und man fragt sich: warum? Warum auf dem Zifferblatt? Warum nicht auf der Rückseite des Gehäuses? Auf dem Rotor? An einer Flanke? Warum nur so prominent?

Diese Frage kann ich zwar nicht klären, bei meinem Besuch in Genf, dafür aber mit einem Vorurteil aufräumen: dieser Schriftzug sei zu laut, würde das perfekte Design des Blattes stören und sei schon von weitem sichtbar.

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Jubiläumsschriftzug: prominent nur unter dem Makro-Objektiv

Natürlich, auf Fotos, gerade auf den ersten Pressebildern, kommt der Schriftzug wirklich sehr erschlagend rüber. In der Realität allerdings fällt er kaum auf und kann tatsächlich als “sehr dezent” bezeichnet werden. Ist die Uhr am Arm, lässt sich je nach Lichteinfall allenfalls erahnen, dass da irgendetwas anders ist.

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Noch dazu stellt die Unterbrechung der geprägten Streifen optisch ein Gegengewicht zum Patek Philippe Geneve Schriftzug dar, welcher ja ebenfalls die Streifen unterbricht. Das sorgt für eine gewisse Ausgeglichenheit und nach kurzer Zeit kommt dem Betrachter selbige Stelle bei einer normalen 5711 schon geradezu leer vor. So schnell kann’s gehen.

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Am Arm ist die Uhr genau die Sensation, die man sich von einem Nautilus Jubiläumsmodell erwartet. Das Blau des Blattes changiert je nach Blickwinkel, das helle Silber des Platins strahlt, die 5711/1P-001 schaut aus wie jede andere 5711 – nur eben einfach ein Stück schöner. So soll das sein, so muss das sein.

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Soweit so gut. Wenn man ehrlich ist, kam die 5711 aber auch bei den Reaktionen online noch einigermaßen glimpflich davon. Ganz im Gegensatz zu ihrer größeren Schwester, der 5976/1G. Mehr zu dieser gibt es in Teil 2 dieses Reviews.

 

Fotos & Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2016

 

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