by R-L-X

2014 eröffnete Officine Panerai ihre neue Manufaktur im Schweizerischen Neuchâtel. Wir haben uns die Produktion angesehen: eine beeindruckende Mischung aus Tradition und hochmoderner Fertigung. 

Dreizehn Jahre ist es mittlerweile her, dass ich meine allererste Panerai kaufte. Die Reaktionen damals bei uns im Forum reichten von absoluter Begeisterung bis hin zu vollständigem Unverständnis. Panerai mit ihren großen Uhren, so meinten einige damals 2004, sei doch nur eine modische Randerscheinung, die schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwinden würde. 44 Millimeter. Wer trägt schon so große Uhren?

Stattlich: die Panerai Luminor Submersible 1950 Carbotech (PAM00616) bringt es auf 47 Millimeter

Dreizehn Jahre später kann man wohl getrost behaupten, dass jene Nörgler von damals im Unrecht waren. 44 Millimeter Durchmesser ist mittlerweile fast sowas wie ein Standard geworden und Panerai gibt’s noch immer. Und wie!

Warteposition: eine Reihe von PAM00684 vor der Wasserdichtigkeitsprüfung

Setzte man anfangs ausschließlich auf zugekaufte Werke, hauptsächlich bediente man sich hier jener von Unitas / ETA, aber auch das altehrwürdige Zenith El Primero war dabei, so änderte sich das 2005 mit dem ersten in-house Kaliber, dem P.2002.

Werkteile des Kalibers P.1000 vor der Finissierung

Heute kann Officine Panerai auf insgesamt rund 30 Manufakturkaliber zurückgreifen. Einige von ihnen entstehen seit 2014 in der neugebauten Manufaktur in Neuchâtel.

Submersible 1950 in Rotgold

Seit der Eröffnung hatten bislang nur wenige Medien die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen zu ergattern. Um so mehr freute mich die Einladung in den Kanton Neuenburg.

Fertige Luminor Modelle, aufgereiht zum Test

Die neue Manufaktur liegt in einem Gewerbegebiet etwas oberhalb des historischen Stadtkerns. Auf 10.000 Quadratmetern arbeiten hier rund 250 der insgesamt etwa 600 Mitarbeiter von Officine Panerai.

Modell der neuen Panerai Manufaktur

Das Gebäude schaut nicht nur äußerst modern aus, auch in Punkto Umweltschutz hat es einiges zu bieten. So wird es mit Erdwärme und Sonnenenergie betrieben, das Regenwasser wird aufgefangen und zur Bewässerung der Wiesen und Bäume auf dem Gelände genutzt. Die Mitarbeiter werden ermutigt mit Fahrrädern oder dem Busshuttle zur Arbeit zu kommen statt mit dem Auto.

Willkommen in Neuchâtel

In der Lobby der Manufaktur empfangen ein halbes Dutzend Barcelona Chairs, sowie eine riesige Wanduhr in jenem ikonischen Panerai Design die Besucher. Von hier aus beginnt nach einer kurzen Begrüßung und einer Einführung in die Geschichte der Marke der Rundgang durch die Manufaktur.

Beschlägt das Glas? Testprozedur in der Manufaktur

Der erste Stopp ist in der Research & Development Abteilung des Laboratorio die Idee. Jede Panerai durchläuft im Grunde sieben Stufen: Idee, Design, Modell, Prototyp, Tests, Finales Produktdesign, Produktion.

Gravuren diverser Sondermodelle

Koordiniert wird das Ganze mithilfe einer – Lego-Wand! Verschiedene Farben zeigen den jeweiligen Status, jeder Mitarbeiter der Abteilung hat seine eigene Lego Figur, etwa Robin Hood, Darth Vader, Mickey Mouse oder den Bartman.

Lego im Profi-Einsatz – sehr sympathisch

Zu dumm nur, dass ausgerechnet die Spalte mit den jeweiligen Projektbezeichnungen bei meinem Besuch abgedeckt blieb. So ein Blick auf die Neuheiten des SIHH 2018 hätte schließlich schon was gehabt. Dafür aber gibt es einen Raum weiter jede Menge Zeichnungen, Prototypen und Modelle aus dem 3D-Drucker zu sehen.

Erste Entwürfe

Grundsätzlich gibt man sich auf dieser Tour was Fotos und Informationen angeht erstaunlich, erfreulich offen. Lediglich die Maschinen im Ganzen sind tabu, da diese zum Teil exklusiv für Panerai angefertigt wurden und man dem Mitbewerb hier nicht unbedingt zu viele Infos geben mag. Verständlich.

3D-Modelle

Ebenfalls keine Fotos erlaubt sind im Prototypenbau und im Testraum. Gerade letzteres ist ein wenig schade, denn ein so umfangreiches Testprogramm wie bei Panerai habe ich noch nicht gesehen.

Prototypen außergewöhnlicher Modelle…

Hervorzuheben ist hier beispielsweise der Salzwassertest, bei dem der Salzgehalt rund 25% höher liegt als das in den salzhaltigsten Gewässern der Fall ist. Oder der Fog Test, bei dem die Uhr über Stunden – oder waren es gar Tage? – mit feinem Wasserdampf besprüht wird.

… und Materialien

Im Falltest wird das Verhalten des Gehäuses bei einem freien Fall aus einem Meter Höhe simuliert. Besonders wichtig beim Test von neuen Materialien, bei Panerai ja schon fast an der Tagesordnung.

Typisch für Panerai: Sandwich-Dial…

Der komplette Testraum ist voll von Testgeräten. Magnetismus, die Auswirkungen von Schweiß, hier werden so ziemlich alle denkbaren Situationen eines Uhrenlebens simuliert. Eines, welches man seiner Uhr eigentlich nicht wirklich zumuten möchte.

… und Kronenschutzbrücke

Weiter geht’s zur Produktion. Platinen und Brücken werden dort maschinell gefertigt und finissiert. Ersteres ist mittlerweile fast schon Standard, letzteres allerdings ist für mich eine Überraschung. Wo man sich in anderen Manufakturen damit rühmt, dass jeder Schliff noch per Hand gesetzt wird, übernehmen dies hier spezielle Maschinen.

Eine Platine entsteht

So etwa eine, die Bauteile satiniert. Ein Roboterarm nimmt sich jedes Bauteils an und schleift es in geradezu perfekter Koordination über eine Rolle Sandpapier. Ein faszinierender Anblick.

Farbauftrag

Aber warum gibt man hier der Maschine dem Vorrang? Panerai sieht sich da als eine Art technischer Vorreiter. Wenn man mit einer Maschine eine bessere, gleichbleibende Qualität erzielt als per Handarbeit, warum dann nicht die Technik nutzen.

Wer kann es schon lesen?

Das leuchtet ein und man muss dazusagen, dass es bei manch anderen “Großen” nicht weniger technisiert zugeht.

Das Setzen der Steine

Die automatisierten Teile der Produktion zu sehen, ist denn auch ziemlich beeindruckend. So wird jedes Uhrwerk in eine eigene 3D-Druckform eingeschalt, welche mit einem RFID Chip ausgerüstet ist.

Werkaufnahmen mit RFID-Chip

Auf diese Art kann immer exakt kontrolliert werden, welches Werk an welchem Punkt der Produktion ist, Testergebnisse werden eindeutig zugeordnet.

Das Werk wird geölt

Auch das Setzen der optimalen Lagersteine und das Ölen wird vom Computer gesteuert. Für die Gangtests holt sich ein Roboterarm das jeweilige Werk und fährt es zur benötigten Stelle.

Gangkontrolle – vollautomatisch

Auf der anderen Seite des Raums allerdings arbeiten ganz klassisch die Uhrmacher. Panerai kombiniert hier quasi das Beste zweier Welten für ein optimales Ergebnis.

Aufgeräumt: Arbeitsplatz eines Uhrmachers

Ausschließlich Handarbeit ist in der Haute Horlogerie Abteilung zu sehen. Hier werden Uhren wie die PAM00600 mit dem Kaliber P.2005/MR gebaut, eine Carillon Minutenrepetition für Stunden, Zehnerminuten und Minuten.

Kaliber P.2005/MR

Auch der Regatta Chronograph Flyback PAM00526 entsteht hier.

Das Setzen der Zeiger bei einem Regatta Flyback Chronographen

Nach der Produktion kommt jede Uhr in die Testsektion. Hier werden noch einmal die Gangwerte kontrolliert und die Wasserdichtigkeit gecheckt. Große Wasserbehälter stehen dafür bereit, in denen die Uhren bis zur jeweiligen garantierten Wasserdichtigkeit (bzw. zur Sicherheit noch einiges darüber hinaus) abgedrückt werden.

Ab zur Wasserdichtigkeitsprüfung

Zuvor erfolgt allerdings noch eine Sichtprüfung. Hierbei werden die Gehäuse zunächst aufgeheizt und anschließend mit einem Tropfen kalten Wassers benetzt. Beschlägt das Glas dabei auf der Innenseite, geht die Uhr schon hier direkt zurück zur Nachbesserung.

Kalter Tropfen auf heißem Glas

Gerade als die Führung weitergeht, kommt noch ein ganzer Batch an neuen Bronzo Modellen herein. Als ich die vielen PAM00671 da so liegen sehe fühle ich mich kurzfristig wie im Schlaraffenland. Ob das wohl auffällt, wenn da eine fehlt? Benimm’ Dich!

Bronzo, Bronzo, Bronzo

Ich lasse also die Finger von den Bronzos und folge zum After Sales Department. Hier kommen jene Kundenuhren an, die einen Service benötigen, seien es nun Modelle aus der Richemont-Ära oder frühe Vintage-Schätze.

PAM00671 – Traumuhr des Jahres

Da man hier mit dem Eigentum der Kunden hantiert sind die Sicherheitsvorkehrungen besonders stark. Macht ein Uhrmacher Pause etwa, werden die Uhren bzw. deren Komponenten in Rollcontainer gelegt, welche mit elektronischen Schlössern versehen sind.

Vintage und “normaler” Service in der After Sales Abteilung

Mit dem Besuch beim After Sales Service endet der wahnsinnig interessante Rundgang durch die neue Manufaktur von Panerai in Neuchâtel.

Der Besuch allerdings ist noch nicht ganz zu Ende. Denn nach dem Mittagessen wartet noch ein weiteres, echtes Highlight auf mich: die Watchmaking Class.

Es ist meine Erste und entsprechend aufgeregt bin ich.

Es gilt, ein Automatikwerk vom Kaliber P.2003/10 auseinanderzubauen und wieder zusammenzusetzen. Mangels Zeit beschränkt sich der heutige Ausflug in die Uhrmacherei allerdings lediglich auf die ersten gefühlt 100 der insgesamt 299 Bauteile.

Das P.2003/10 ist ein wunderschön skelettiertes Uhrwerk in 13 3/4 Linien. Neben Stunde, Minute, kleiner Sekunde und Datum hat es eine GMT-Funktion, eine Gangreserveanzeige und verfügt über Sekundenrückstellung.

Rotor und Brücken entfernen, dann geht es an die Räder, die komplette Unruheinheit und die Hemmung. Anschließend alles wieder einbauen und siehe da: ES LÄUFT!!! Was für ein Erfolgserlebnis.

Voller Stolz nehme ich mein Zertifikat für die erfolgreich bestandene Masterclass der Panerai Watchmaking Academy entgegen, ehe es für mich auch schon wieder in Richtung Flughafen geht.

Auf der Rückfahrt schmökere ich noch ein wenig im aktuellen Panerai Katalog. Meine Allererste ist immer noch aufgeführt. Viel hat sich geändert bei Panerai in den letzten 13 Jahren, manchen Dingen ist man dabei aber auch bis heute treu geblieben. Ein spannender Mix.

Mein Fazit: dass Panerai mehr kann, als einfach nur das eigene ikonische Design zu pflegen, war mir auch schon vor meinem Besuch in Neuchâtel bewusst. Doch wie umtriebig man dort ist, wie sehr man mit neuen Materialien, Fertigungstechniken experimentiert, auf welche große Range an Manufakturkalibern man heute zurückgreifen kann, das hat mich dann doch sehr überrascht.

Kaliber P.2005/MR in der Haute Horlogerie Abteilung

Für mich ganz persönlich ist dieses “hier und jetzt” weitaus faszinierender als die geschichtliche Komponente, die Kampftaucher-Historie aus Weltkriegszeiten. Seit meinem Besuch in der Manufaktur sehe ich jedenfalls eine Panerai mit anderen Augen. Eine nach wie vor spannende Marke mit vielen technischen Highlights. Eben das Laboratorio di Idee.

Der Klang der Minutenrepetition wird perfektioniert

Herzlichen Dank an Officine Panerai für die Einladung nach Neuchâtel.

 

 

Fotos & Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2017

 

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