by R-L-X

Was kann man tun – an einem Tag? An einem Montag? Ins Büro gehen und arbeiten. Wie jeden Montag. Oder – einfach mal ausbrechen. Abhauen. Auf einen Roadtrip. Durch Arizona.

Als die Einladung eintrudelt, bin ich gerade auf dem Weg zur Baselworld. Autotest in Phoenix. Phoenix, Arizona? Phoenix Arizona! Gut 24 Stunden im Flugzeug verbringen für ein paar Kilometer Auto fahren? Und das auch noch direkt nach vier äußerst auslaugenden Messetagen? Seien wir ehrlich, das ist komplett bescheuert. Sowas braucht kein Mensch.

Welcome to Red Rock – der Mercedes-AMG GT C Roadster in designo selenitgrau magno

Nun ist “Auto” in diesem Fall aber eine sehr einfache Umschreibung für das, was da in Arizona wartet. Denn dieses “Auto” ist einer der heißesten Neuzugänge des Jahres. Es ist die offene Version des Mercedes-AMG GT, der GT Roadster.

Zwei Modelle mit langer Lieferzeit

Der kommt nun direkt in zwei Versionen auf den Markt, als GT und GT C. Moment, “C”, was ist das denn nun schon wieder? Führen die leistungsgesteigerten Versionen bei AMG nicht immer ein “S” im Namen? Ja und Nein. Ach, es ist kompliziert. Der GT ist sowohl beim Coupé als auch beim Roadster das “Einsteigermodell” mit jetzt 476 PS und 630 Nm. Darauf folgt der GT S mit 522 PS und 670 Nm, den gibt es allerdings nur als Coupé. Der GT C Roadster toppt das Ganze dann mit 557 PS und 680 Nm. Darüber liegt nur noch der GT R, der Rennwagen mit Straßenzulassung. Der bringt es im Coupé dann auf 585 PS und 700 Nm.

 

Infobox: Mercedes-AMG GT Modelle und Preise in Euro für Deutschland

Modell Leistung kW (PS) Preis Coupé Preis Roadster
Mercedes-AMG GT 350 (476) 117.280,45 129.180,45
Mercedes-AMG GT S 384 (522) 136.201,45
Mercedes-AMG GT C 410 (557) 160.650,00
Mercedes-AMG GT R 430 (585) 165.410,00

 

Bemerkenswert: angesichts solcher Zahlen relativiert sich die Flugzeit nach Arizona auf einmal ungemein. Arizona für einen Tag? Kann man machen. MUSS man machen! Und so sitze ich Sonntagvormittag im Flieger mit Ziel USA.

Ziel der Reise: das Mountain Shadows Resort in Scottsdale, Arizona

Die Daten des GT C Roadster kenne ich bereits in und auswendig, als ich in L.A. zwischenlande. Dass das gut ist, stellt sich wenig später bei der örtlichen Immigration heraus. Denn der Officer will alles ganz genau von mir wissen. Was ist das für ein Auto? Wieviel PS hat das nochmal? Testfragen? Oder einfach brennendes Interesse? Wer weiß das schon.

Mercedes-AMG GT Roadster in brillantblau metallic

Noch ein kurzer Anschlussflug, dann bin ich in Phoenix, von wo aus es mit dem Auto (nein, leider noch nicht mit einem GT) nach Scottsdale geht. Nach einer sehr kurzen Nacht, Jetlag sei Dank, stehen dort am nächsten Morgen zwei brillantblaue AMG GT Roadster, sowie jeweils sieben GT C Roadster in designo selenitgrau magno und AMG solarbeam bereit.

Mercedes-AMG GT C Roadster in AMG solarbeam

Letztgenannte Farbe ist mit 8.687 Euro Aufpreis übrigens nicht nur die mit Abstand teuerste Lackierung, die man dem Roadster gönnen kann. Es ist auch die teuerste Position der Aufpreisliste generell, dicht gefolgt von der AMG Keramik Hochleistungs-Verbundbremsanlage, die im Testwagen ebenfalls nicht fehlt.

Lake Pleasant

Los geht der Roadtrip durch Arizona. Drei Etappen stehen auf dem Plan, insgesamt über 500 Kilometer. Aufpassen, so erfahren wir im Briefing, sollen wir vor Allem auf zwei Dinge. Einmal auf unsere Geschwindigkeit. Denn die Strafen für Speeding sind hoch, das Prozedere ungemütlich, Gnade für arme Journalisten aus good old Germany? Na sicher nicht. Ok. Verstanden. Und die andere Sache? Schlangen! Die lauern in Arizona nämlich hier und da. So watch your step.

Kurz überlege ich, wovon in den kommenden Stunden nun wohl die größere Gefahr ausgehen wird. Doch nach acht Blitzern plus einem Cop mit Radarpistole schon auf den ersten anderthalb Meilen hat sich die Frage dann auch schnell quasi von selbst beantwortet.

Nicht so schnell!!

316 km/h beträgt die Höchstgeschwindigkeit des GT C Roadster. Das sind 196 miles per hour und damit ziemlich genau dreimal soviel wie das Speedlimit auf den amerikanischen Highways. Na toll!

Watch your speed

Auch der Weg hin zum Speedlimit ist beim GT C recht eng gesteckt. Gerade einmal 3,7 Sekunden vergehen, dann wähnt man sich auch schon mit einem Bein in der wahrscheinlich nur wenig heimeligen Zelle des örtlichen Sheriffs.

Gut, so ein Auto kauft man sich ja nun auch weniger zum Rasen als viel mehr zum Cruisen. Denke ich mir und verübe sogleich Selbstbetrug allererster Güte. Denn verdammt, dafür macht jeder Druck aufs Gaspedal einfach zu viel Spaß. Das Konzert der im GT C serienmäßigen schaltbaren AMG Performance-Abgasanlage berauscht gerade im Sport+ Modus so sehr, dass man sich unweigerlich laufend fernab des Erlaubten wähnt.

Das geht so natürlich nicht. Das wollen wir nicht und das darf nicht sein. It’s the law! Also rein mit der Distronic und gemütlich cruisen. Gerade auf den amerikanischen Highways wünscht man sich da schon nach kurzer Zeit auch einen Lenk-Piloten herbei, doch ein Fahrassistenz-Paket Plus gibt es für die GTs ebenso wenig wie eine 360° Kamera. Schon schlimm, wie verwöhnt, wie verweichlicht man mittlerweile durch diese Dinge doch ist.

Photoshooting am Watson Lake

Braucht man sowas bei einem Sportwagen? Nun, zumindest die 360° Kamera wäre hier und da schon hilfreich. Egal. Klarkommen, weiterfahren. Den Fahrtwind genießen, die beeindruckende Natur auf sich wirken lassen. Dieser Roadster ist eben was für ganze Kerle.

 

Und die können sich nun erstmalig auch im AMG Performance Sitz mittels Airscarf warme Luft um den Hals blasen lassen oder bei allzu heißem Wetter die ebenfalls optionale und erstmalig für diesen Sitz angebotene Sitzklimatisierung einschalten. Ach so, ein kleines Windschott gibt es auf Wunsch auch noch. Soviel also zu den ganzen Kerlen.

Ein ganzer Kerl dank AMG

Über Wickenburg geht es nach Prescott, wo ein erster Zwischenstopp geplant ist. Der Weg dorthin führt über ewig scheinende Straßen, weite Landschaften, durchs Nichts. Ja sogar das ein oder andere Tumbleweed kreuzt hier die Straße.

Einsamkeit

Doch das letzte Stück der Strecke schaut schon im Roadbook vielversprechend aus. Kurven. Viele Kurven. Herrlich! Doch wir sind hier in Amerika. Kein Platz für Risiko. Und so steht ein Tempo 15 (!!!) Schild vor nahezu jeder Kurve. Ernst gemeint? Ja soll ich vielleicht noch aussteigen und schieben? It’s the law! Machste nix.

Dynamisch, schon im Stand

Irgendwann ertappt man sich dabei, zumindest hin und wieder das ein oder andere Schild zu übersehen. Kann ja mal vorkommen. Dann kann der GT C Roadster zeigen, was er von seinem Rennstreckenbruder GT R so alles mit auf den Weg bekommen hat. Die aktive Hinterachslenkung zum Beispiel. Bei dieser lenken die Hinterräder bis zu einer Geschwindigkeit von 100 km/h in entgegengesetzter Richtung mit. So kann man Kurven agiler nehmen (jaja, 15 mph, ich weiß), hat weniger Lenkarbeit und genießt auch noch einen reduzierten Wendekreis.

Oberhalb von 100 km/h kehrt sich das System um. Die Hinterräder schlagen analog zu den Vorderrädern ein, was die Fahrstabilität erhöht und wie ein verlängerter Radstand wirkt. Ebenfalls serienmäßig ist der GT C Roadster mit einem elektronisch geregelten Hinterachs-Sperrdifferenzial ausgestattet, das für bessere Traktion sorgt und den Roadster auch bei Bremsmanövern zusätzliche Stabilität verleiht.

Subjektiv tragen vor allem die tiefe Sitzposition und die enorme Breite des GT C dazu bei, dass man meint, dieses Auto kann nichts, aber auch wirklich gar nichts aus der Bahn bringen. Der GT C Roadster ist nämlich hinten ganze 57 Millimeter breiter als der GT und hat damit die gleichen Maße, wie das besagte “Beast of the Green Hell”, der GT R.

Nach einem kurzen Stopp bei der wilden Iris geht der Roadtrip weiter in die Geisterstadt Jerome, einst Heimat von über 15.000 Einwohnern, hauptsächlich Minenarbeitern, heute Touristenattraktion.

Dieses Schicksal wird dem GT sicher nicht blühen

In der Ferne leuchten schon die roten Felsen von Sedona. Klar, die kennt man aus unzähligen Filmen und auch dort sind sie sicher beeindruckend. Live aber hat man das Gefühl, auf einem fremden Planeten zu sein. Die Schönheit dieser Landschaft – sorry AMG – stellt sogar den GT C Roadster kurzfristig in den Schatten.  

Das Enchantment Resort am Boynton Canyon ist unser nächstes Ziel. Die Wolkenformationen, die dort heraufziehen, verheißen allerdings nichts Gutes. Also Fahrerwechsel und schnell weiter, zurück in Richtung Phoenix.

“Ab einer gewissen Geschwindigkeit kannst du unter dem Regen durchfahren” meint mein nun am Steuer sitzender Kollege. Er muss es wissen, denke ich mir, er ist Cabrio-Profi. Und tatsächlich: selbst die auf der Interstate 17 erlaubten 75 Meilen reichen dafür aus. Es fängt an zu regnen, wir spüren – nichts.

Es braut sich was zusammen

Als der leichte Regen dann in ein stattliches Unwetter umzuschlagen droht, ergibt sich allerdings ein Problem. Denn wenn alle anderen auf einmal mit Tempo 40 unterwegs sind, klappt das mit dem “unter dem Regen durchfahren” nicht mehr wirklich. Dumme Sache. Was tun?

GT und GT C Roadster verfügen natürlich über ein elektrisch zu betätigendes Verdeck. Dieses kann bis Tempo 50 (km/h, nicht mph) betätigt werden und braucht gerade einmal 11 Sekunden zum vollständigen Schließen. Perfekt also für Situationen wie diese.

Etwas verwirrend, ist man die anderen Cabriolets von Mercedes-Benz gewohnt (hier geht’s zum Test des S-Klasse Cabriolets, den Roadtrip mit dem C 63 S Cabriolet gibt es hier noch einmal zum nachlesen), ist einzig die Lage des Schalters für die Verdeckbetätigung. Normalerweise liegt dieser direkt vor der Mittelarmlehne, im GT Roadster findet man ihn über dem Innenspiegel. Warum? Weil auf dem Platz vor der Mittelarmlehne der kleine Hebel für die Gangwahl sitzt, der an dieser Stelle nun aber wirklich ein wenig deplatziert wirkt. Warum hat man ihn nicht wie beim SLS weiter vorne belassen? Ah, ok. Da hat’s ja die zwei Cupholder. Na gut, irgendwo muss man halt Prioritäten setzen.

Davon einmal abgesehen sind die Schalter und Knöpfe im Cockpit des GT Roadster allesamt gut platziert, das Infotainment System und dessen Bedienung sind optimal und selbst der herausragende Bildschirm über den vier schicken Lüftungsdüsen ist – ja – akzeptabel.

Nein, im GT Cockpit fühlt man sich schnell äußerst wohl, ohne dass man sich eingeengt vorkommen würde. Selbst bei geschlossenem Dach ist auch für größer gewachsene Fahrer genügend Platz. Optisch wie haptisch ist das Interieur sowieso ein Traum.

Und auch von außen macht der Roadster eine gute, nein eine sensationelle Figur. Mit seinem breiten Heck ist die Optik des GT C einfach herrlich muskulös, wunderbar brutal. Da passt auch der AMG Panamericana Grill perfekt. Beim “normalen” GT indes hätte ich persönlich mir das Beibehalten des gewohnten, traditionelleren und “harmloser” wirkenden Grills der bisherigen GT Modelle gewünscht.

Doch seit Kurzem ist man bei AMG generell für alle GT Versionen auf den neuen Grill umgestiegen. Dieser betont die Nähe zum Motorsport, zitiert den Look des aktuellen Mercedes-AMG GT3 Kundensport-Rennwagens. Neu dabei ist das integrierte aktive Luftregelsystem Airpanel, das für eine perfekte Kühlung sorgt. Lamellen im unteren Bereich der Frontschürze öffnen und schließen sich hierfür via Elektromotor in etwa einer Sekunde.

Das sehr lokale Unwetter auf der Interstate 17 ist schnell vorbei, 11 Sekunden später lassen auch wir uns wieder den Wind um die Nase wehen. Selbstverständlich mit Windschott und Airscarf, man muss ja alles einmal ausprobieren.

Scottsdale Manor, unsere Abendlocation erreichen wir bei Sonnenuntergang. Hier endet der Tag im Mercedes-AMG GT C Roadster, ehe es am darauffolgenden Tag wieder zurück in die Heimat geht.

Gut 24 Stunden im Flugzeug verbringen für ein paar Kilometer Auto fahren? Komplett bescheuert, und doch jede Sekunde wert! Es gab in meinem Leben jedenfalls definitiv schon langweiligere Montage.

Mein Fazit: der offene AMG GT ist in seinen beiden Versionen ein echtes Traumauto. Nicht mehr und nicht weniger. Gern getätigte Vergleiche zum offenen Stuttgarter Mittbewerber verkneife ich mir, dafür sind m.E. beide Konzepte dann doch auch zu verschieden. Optisch ist der GT ein besonderer Hingucker, ein echter Exot, eine Ausnahmeerscheinung, fahrtechnisch lädt er zum sportlichen cruisen ein, kann aber bei Bedarf auch ganz anders.

Mein Tipp: wer den Fahrspaß noch maximieren möchte, der greift zum GT C Roadster, der nicht nur mit einer wesentlich brutaleren Optik, sondern auch einer größeren Serienausstattung aufwartet. Dinge wie die aktive Hinterachslenkung oder das elektronisch geregelte Sperrdifferenzial beispielsweise lassen sich beim “normalen” GT nicht einmal für Geld ordern.

 

Datenblatt: 

  Mercedes-AMG GT Roadster Mercedes-AMG GT C Roadster
Motor 4,0-Liter-V8 mit Direkteinspritzung und Biturbo-Aufladung
Hubraum 3.982 ccm
Leistung 350 kW (476 PS) bei 6.000/min 410 kW (557 PS) bei 5.750 -6.750/min
Drehmoment 630 Nm bei 1.700-5.000/min 680 Nm bei 1.900-5.750/min
Antrieb Hinterräder
Getriebe AMG Speedshift DCT 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Beschleunigung 4,0 s (0-100 km/h) 3,7 s (0-100 km/h)
Höchstgeschwindigkeit 302 km/h 316 km/h
Leistungsgewicht 3,35 kg/PS 2,98 kg/PS
Fahrwerk AMG Sportfahrwerk AMG Ride Control, adapt. Dämpfung
Sperrdifferenzial (HA) mechanisch elektronisch geregelt
Reifen / Räder vorne  255/35 R 19 auf 9,0 J x 19 265/35 R 19 auf 9,0 J x 19
Reifen / Räder hinten 295/35 R 19 auf 11 J x 19 305/30 R 20 auf 12,0 J x 20
Fahrprogramme Comfort, Sport, Sport+, Individual Comfort, Sport, Sport+, Individual, Race
Leergewicht 1.595 kg  1.660 kg 

 

Fotos & Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2017

 

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