by R-L-X

Als Rolex in Basel die neue Sea-Dweller präsentierte, war mein erster Gedanke, da haben sie aber mal alles richtig gemacht. Doch siehe da: Fans in aller Welt gehen mit dem “Ding mit der Lupe” hart ins Gericht.

Blicke ich zurück auf meine letzten 15 Baselworlds, ich kann mich an einige Neuheiten in den Fenstern des Rolex Stands erinnern, die mich verwundert, fragend, ja kopfschüttelnd zurückließen. 2017 aber war das anders. Das 50-jährige Jubiläum der Sea-Dweller, DER Rolex Taucheruhr schlechthin, beging man mit einer zeitgemäßen Neuauflage des allerersten Modells der Reihe, der Single-Red Sea-Dweller, Referenz 1665.

Rolex Sea-Dweller 1665, hier bereits in der “Double-Red” Version

Die neue “Single-Red” kommt mit einem sicherlich dem Zeitgeist geschuldeten Durchmesser von 43 Millimetern, ansonsten aber mit all den Details, die man vom vielleicht professionellsten aller Professional Modelle gewohnt ist: dickes Glas, dicke Lünette, dicker Boden, Helium-Auslassventil in der Flanke.

Rolex Sea-Dweller, Jahrgang 2017

Mehr noch. Während man die bisherigen 6-stelligen Gehäuse von Submariner, GMT und Sea-Dweller auf Grund ihrer leichten Pummeligkeit gerne als “Hummel” bezeichnet, glänzt die Neue, als Referenznummer wählte man die 126600, mit einem durch und durch stimmigen Gehäuse.

Die Hörner sind verhältnismäßig schlank, die Bandanstöße stehen nicht über, alles wirkt dadurch wie aus einem Guss und auch das optische Verhältnis zwischen Zifferblattgröße und Breite der Lünette ist perfekt getroffen. Nicht selbstverständlich, schaut man sich beispielsweise die Neuauflage der “Orange Hand” Explorer II aus dem Jahre 2011 an.

Geradezu absoluter Wahnsinn: mit einem offiziellen Verkaufspreis von 10.350 Euro liegt die Neue gerade einmal 900 Euro über ihrem deutlich kleineren Vorgänger.

Ja, eigentlich hat Rolex mit der Sea-Dweller 43 alles, wirklich alles richtig gemacht. Und unter uns, der Run, der direkt nach Veröffentlichung auf diese Uhr einsetzte, ist enorm und zeigt, dass man in Genf mit der 126600 auch tatsächlich voll ins Schwarze getroffen hat. Bei vielen Konzessionären kann man sich, ähnlich der Situation nach der Vorstellung der neuen Stahl-Daytona im letzten Jahr (hier geht’s zum Review der 116500 LN), nicht einmal mehr auf eine Warteliste setzen lassen.

Parallel dazu wurden alle noch am Markt befindlichen Modelle der Vorgängerreferenz 116600 (das Hands-on zu dieser gibt es hier) binnen Tagen von findigen Spekulanten – nein, selbstverständlich Liebhabern der Referenz – aufgekauft. Grund: mit nicht einmal drei Jahren Verkaufszeit dürfte sie, das muss man ihr neidlos zugestehen, tatsächlich irgendwann einmal am ehesten das Zeug zu einer Wertanlage haben.

 

Infobox: Rolex Sea-Dweller Modelle

Erscheinungsjahr Referenz Bezeichnung Tauchtiefe
1967 1665 Single Red 500m / 1.650 ft
1967 1665 Double Red 610m / 2.000 ft
1977 1665 Great White 610m / 2.000 ft
1978 16660 Triple Six 1.220m / 4.000 ft
1988 16600   1.220m / 4.000 ft
2008 116660 Deepsea 3.900m / 12.800 ft
2014 116600 SD4k 1.220m / 4.000 ft
2017 126600 SD50 1.220m / 4.000 ft

 

  • Empfehlung: Eine sehr schön aufbereitete Gesamtübersicht zur Historie der Sea-Dweller gibt es auf dem Blog von Jose Pereztroika.

 

Aber zurück zur Single Red, Jahrgang 2017, der Jubiläums-Sea-Dweller. Alles gut, alles toll, congrats, Rolex? Ja, nein, so einfach ist das nicht. Zumindest, wenn man die Reaktionen in den Foren liest (allen voran natürlich hier bei uns). Denn dort verkörpert die neue “SD 50” nichts Geringeres als den Untergang der geliebten Sea-Dweller.

Aufbau des Helium-Auslass-Ventils

Ja warum das denn? Ist doch alles so schön. Die Proportionen, der toolige Charakter, der Rote Schriftzug, die Lupe…. Die WAS? Ach so, ja. Das vergaß ich doch glatt zu erwähnen. Die Neue kommt mit der für Rolex geradezu ikonischen Datumslupe. Und DAS, so befindet ein Großteil der klassischen Sea-Dweller Fans, geht ja mal gar nicht. Blasphemie. Mindestens.

Patent zum im Jahre 1967 eingereichten Entwurf

Gut, ich hab’s da ein wenig einfacher. Denn ich war nie Fan der Sea-Dweller. Zu pummelig, zu kopflastig und das Datumsfenster ohne Lupe schaute immer so aus, als würde irgend etwas fehlen. Da macht es mich dann fast schon stolz, dass Rolex, zumindest was Letztgenanntes angeht, das scheinbar tatsächlich genauso sah.

Das Fehlen der Datumslupe bei der Sea-Dweller über die letzten 50 Jahre war, auch wenn das jetzt viele wie ein Stich ins Herz trifft, mehr Bug denn Feature. Schon die 1665 hätte mit Lupe auf den Markt kommen sollen, nur war dies damals technisch schlichtweg nicht möglich. Die hohe Tauchtiefe, gepaart mit dem gewölbten Glas waren der Grund dafür.

Die charakteristische Datumslupe, sie ziert alle, wirklich alle übrigen Modelle der Manufaktur. Insofern muss es den Genfern lange ein Dorn im Auge gewesen sein, dass die Sea-Dweller Referenzen da eine Ausnahme machten. Also wurde geforscht und geforscht, bis man eine Lösung für das Problem hatte. Und nun, anno 2017, hat Rolex endlich einen Weg gefunden, dieses Manko ein für alle Mal auszumerzen. Wow. Respekt. Eine reife Leistung. Klingt sarkastisch? Nun, Interpretationssache.

Bei den Fans der Marke allgemein löst die Jubi-SD nur zwei Reaktionen aus: Bedingungslose Liebe oder abgrundtiefen Hass. Dazwischen gibt’s nichts. Bei den Hardcore-Sea-Dweller-Eignern überwiegt deutlich Letzteres, beim Rest eher die Freude.

Und bei mir selbst? Auch zwei Wochen nach der Präsentation freue ich mich auf die Neue. Ich liebe die Deepsea Sea-Dweller (hier geht’s zum Review der 116660 Cameron), kann sie aber leider nicht tragen. Sie ist mir schlichtweg zu dick. Da kommt die 43-Millimeter-Sea-Dweller gerade Recht. Und das perfekte Aussehen im Stil der – klar – Red Submariner, tut sein Übriges.

Ein wenig Ernüchterung gab es da nur beim ersten Tragetest in Basel. Denn am Arm zeigt die 126600 ganz klar, welche Gene sie in sich trägt. Sie ist dick, wenngleich das durch den größeren Gehäusedurchmesser nicht mehr ganz so auffällt, der dicke Boden lässt das eigentliche Gehäuse aber weiterhin relativ weit vom Handgelenk abstehen, die etwas enger gebogenen Bandanstöße sorgen dennoch für ein angenehmeres Tragegefühl, auch bei nicht ganz so großen Handgelenken. Und immer wieder: die Proportionen der Uhr sind einzigartig gut getroffen. Kompliment dafür noch einmal an die Designabteilung.

Auch technisch hat die Neue was zu bieten. Denn sie ist das erste Sportmodell, das mit der neuen Generation an Uhrwerken ausgeliefert wird. Genauer ist das im Falle der Sea-Dweller 2017 das Kaliber 3235 mit Chronergy-Hemmung, besonders leistungsstarkem Federhaus und 70 Stunden Gangreserve (Mehr zur neuen Rolex Kalibergeneration im Review der Day-Date 40).

Der Pressetext spricht von “fundamentalen Fortschritten in Sachen Präzision, Gangreserve, Stoßfestigkeit, Unempfindlichkeit gegenüber Magnetfeldern, Bedienkomfort und Zuverlässigkeit”. Na das klingt doch super.

Ja wo wir doch grad beim Pressetext sind: dort ist das Zifferblatt der neuen Sea-Dweller als “Schwarz glänzend” beschrieben. Auch darüber wird heiß diskutiert. Denn die in Basel gezeigten Modelle verfügten definitiv über ein mattes Blatt, ähnlich dem des Vorgängers. Die große Frage bis zur Auslieferung wird also sein, handelt es sich um einen Fehler im Pressetext oder sahen wir auf der Messe nur Prototypen, die sich in jenem Detail von der Serie unterscheiden?

Bleiben wird aber so oder so der rote Sea-Dweller Schriftzug. Und gerade der ist soviel mehr als eben nur ein roter Schriftzug. Er ist ein Statement. Dafür, dass man in Genf inzwischen sehr wohl ein offenes Ohr für die Wünsche seiner Kunden hat. Das Jubiläums-Modell der Sea-Dweller wirkt so insgesamt auch eher wie die Antwort auf die gesammelten Wünsche vieler Fans. Denn abgesehen vom neuen Werk, steht das Modell nicht gerade für technischen Fortschritt. Nicht einmal die Tauchtiefe unterscheidet sich vom Vorgänger.

Extremtaucher: Deepsea Special (1960) und Deepsea Challenge (2012) 

Auf der anderen Seite ist die Neue ein durchaus kluger Schachzug. Denn zusammen mit der im letzten Jahr vorgestellten Yacht-Master 37, der 268622, hat Rolex nun jeweils mindestens ein “Submariner-ähnliches” Modell in den drei weltweit wohl wichtigen Gehäusegrößen im Portfolio: 37, 40 und 43 Millimeter. Als Extrem-Uhr bleibt die Sea-Dweller Deepsea in ihren zwei Varianten weiterhin im Programm. Ohne Lupe. Zumindest, bis man auch dafür die passende Lösung gefunden hat.

Mein Fazit: zur Uhr ist eigentlich schon alles gesagt. Die Sea-Dweller in 43 Millimetern ist eine tolle Uhr mit perfekten Proportionen. Sie vereint die Optik der legendären Red-Submariner, Ref. 1680, mit all den Details, die aus einer Submariner seit 50 Jahren eben eine Sea-Dweller machen. Mit dem Jubiläums-Modell ist es Rolex gelungen, Tradition und Moderne zu kombinieren, ohne dabei in die Retro-Falle zu tappen. Die 126600 läutet die nächsten 50 Jahre der Sea-Dweller ein. Ja, mit Lupe. Deal with it.

 

Datenblatt:

  • Modell: Rolex Oyster Perpetual Sea-Dweller, Ref. 126600
  • Gehäuse: 43 mm Oyster, Edelstahl 904L, mit Heliumventil und Kronenschutz, wasserdicht bis 1.220 Meter
  • Armband: Oyster, Ref. 97220 mit Oysterlock-Schließe, Glidelock-Verlängerungssystem und Fliplock-Element
  • Uhrwerk: Manufakturwerk, Kaliber 3235, Automatik, beidseitig aufziehend, 28.800 A/h (4 Hz), 70 Stunden Gangreserve
  • Preis: 10.350 Euro (UVP für Deutschland)
  • Liefertermin: voraussichtlich Juni 2017

 

Fotos: © Rolex (5), PCS (16) 
Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2017

 

2 Kommentare


  • von frame vor etwa 2 Wochen

    Ich mag sie auch. Hänge aber an meiner 16600 weiterhin!


  • von Hans vor etwa 2 Wochen

    Eine Rolex war und ist in erster Linie eine “Tool Watch”. Das gilt ganz besonders für die sportlicheren Modelle. Auch wenn viele Träger sie nicht explizit im Grenzbereich einsetzen, so wünschen sie zumindest dies theoretisch tun zu können – beziehungsweise den Eindruck zu erwecken.
    Eine größere Uhr sieht robuster aus und ist leichter ablesbar. Warum sollte sie also nicht in diese Richtung weiterentwickelt werden, um somit letztendlich auch besser zu werden.

    Armbanduhren wachsen. Rolex auch. Die älteste Herrenuhr in meiner Rolex-Sammlung war eine Oyster aus den späten 20er-Jahren. Im Design ähnlich den Gehäusen, die später für die ersten Panerai (Radiomir) genutzt wurden – aber eben nur 26mm groß. Das war damals eine korrekte Größe.

    Rolex war über Jahre sogar Pionier, was das Gehäusewachstum anging. Über die Jahrzehnte sind die Uhren kontinuierlich gewachsen. 34, 36, 40 Millimeter waren entscheidende Meilensteine, die nach und nach auf alle Modelle übertragen wurden.
    Die Entwicklung ist noch lange nicht vorbei. Rolex tut gut daran, nicht das Schlusslicht in diesem Prozess zu werden.
    Menschen werden größer. Da müssen die Gebrauchsgegenstände mithalten.

    Mit dem neuen Modell korrigiert Rolex behutsam kleine Fehler der letzten Wachstumsphase. Die Proportionen zwischen Gehäuse, Band und Schließe sind bei der Deep Sea und auch bei der aktuellen Submariner nicht perfekt, weil das Band zur Schließe hin zu schmal wird. Das hoch aufbauende Deep Sea-Gehäuse und auch die breiten Hörner der Sub wirken da nicht ausbalanciert.
    Das hat sich mit dem neuen Modell zum Glück geändert.

    Es war niemals Strategie von Rolex, auf dem alten Niveau zu lange auszuharren. Vor 25 Jahren galt ein 40mm Gehäuse als groß, vor 15 Jahren als normal – und heute wirken vier Zentimeter am Männerarm eher mickrig.
    Diese Größe ist heute sogar dabei, den Arm der modernen Frau zu erobern.

    Deshalb hat Rolex aus meiner Sicht alles richtig gemacht – und mit dieser Anpassung die neue Sea-Dweller an die Spitze meiner persönlichen Wunschliste katapultiert.
    Da verzeihe ich sogar die Datumslupe.

    Der rote Schriftzug ist das Tüpfelchen auf dem i.

    Gratuliere.

    Gruß
    Hans


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