by R-L-X

In der Königlichen Porzellan Manufaktur Nymphenburg ging es vergangene Woche nicht nur um das berühmte “Weiße Gold”, sondern auch – um Uhren. Unter dem Motto Manufaktur trifft Manufaktur lud Jaeger-LeCoultre zur Master Class.

Die Reaktionen auf Jaeger-LeCoultres Geophysic Modelle sind auch heute, zwei Jahre nach der Erstpräsentation, noch immer die gleichen. Staunen über das wunderschöne Zifferblatt, plötzliches Entdecken des springenden Sekundenzeigers, anschließend ein ungläubiger Blick zum Träger. “Quarz?” heißt es dann, gefolgt von einem noch verwirrteren Blick beim Betrachten des – mechanischen – Uhrwerks durch den Glasboden. 

Die Geophysic Modelle (hier geht es zum Review) sind Uhren für Kenner. Uhren für diejenigen, die beim Gedanken daran, das gegenüber habe einen beim Tragen einer “billigen Quarzuhr” ertappt, innerlich schmunzeln. Die Komplikation der springenden Sekunde, über viele Jahrzehnte beinahe in Vergessenheit geraten, ist eine, deren Sinn sich nicht wirklich sofort erschließt. 

Vielleicht deshalb entschloss man sich bei Jaeger-LeCoultre, eben jenes Kaliber 770 als neues “Meisterstück” für die eigene Watchmaking Class “Master Class” herzunehmen. Zu ihrem ersten Einsatz kamen die Werke in den vergangenen Wochen in München, genauer in der Porzellanmanufaktur Nymphenburg am Nördlichen Schlossrondell.

Auch neun Leser von luxify hatten die Möglichkeit, für ein paar Stunden einmal selbst einzutauchen in die Welt der Uhrmacherei. 

Willkommen also in Nymphenburg, doch bevor es an die Arbeit geht, steht erst einmal eine kleine Stärkung an. Nach dem Frühstück begrüßt Jürgen Bestian, General Manager von Jaeger-LeCoultre Northern Europe, die Teilnehmer und erzählt ein wenig darüber, wie es eigentlich dazu kam, dass sich im Schweizerischen Jura die Uhrmacherei überhaupt angesiedelt hat. 

Welche Parallelen es zwischen zwei Manufakturen doch so unterschiedlicher Bereiche gibt, das können wir anschließend bei einem Rundgang durch die Königlich Nymphenburger Porzellanmanufaktur erleben. 

Hier scheint die Zeit tatsächlich stehen geblieben zu sein. Angefangen von den Transmissionsriemen, die sich zwischen den Gebäuden spannen bis hin zur Herstellung der Porzellan-Rohmasse, die zunächst einmal über zwei Jahre “reifen” muss, ehe sie weiter verwendet wird. 

Über eine kleine Brücke mit idyllischem Blick gelangen wir ins nächste Haus der Manufaktur. 

Hier werden Teller, Schalen und Töpfe hergestellt. Natürlich in Handarbeit. Was auf den ersten Blick so einfach ausschaut, erfordert allerdings jahrelange Erfahrung. Die Porzellan-Masse muss zur Verarbeitung die richtige Feuchtigkeit haben, die Teller später die exakte Dicke. Zum Abschluss erhält jedes Teil noch den Stempel der Manufaktur und das persönliche Kürzel, dann geht es zunächst zum Trocknen und anschließend zum Brennen. 

Über die Gießerei gelangen wir zu dem Bereich, in dem die fertigen Teller, Tassen und Figuren ihr endgültiges Finish erhalten.

Es riecht nach Nelkenöl, es herrscht absolute Stille. Jeder Mitarbeiter ist vollkommen in seine Arbeit vertieft. Fast schon unangenehm ist es, sie aus dieser herauszureißen. Mit ein Grund dafür, dass es hier normalerweise keine öffentlichen Führungen gibt.

Jeder Kunsthandwerker ist mit seinem eigenen Objekt beschäftigt. Spannend zum Beispiel die Totenköpfe, von denen jedes Jahr ein anderes Design herauskommt. Dieses Jahr sind die Schildkröten an der Reihe. Und wer ganz genau hinschaut, der entdeckt ganz im Verborgenen noch einen winzigen Clownfisch, eine kleine Überraschung der Künstlerin für ihre Kunden. 

Am liebsten würde man ihnen allen stundenlang bei ihren Arbeiten zuschauen, doch da wartet ja noch eine Aufgabe auf uns: die Master Class! 

Bevor es an die Werke geht, ist erst einmal ein wenig Theorie angesagt. Herr Fellner, der Uhrmacher aus der Münchner Jaeger-LeCoultre Niederlassung, führt uns ein in die Besonderheiten des Werkes und – des Werkzeugs. 

Das Werk ist, wie Eingangs bereits erwähnt, das Kaliber 770 mit springender Sekunde. Um genau diesen Mechanismus geht es heute und damit wir uns nicht zu lange mit anderen Dingen aufhalten, ist der Rotor und die zugehörige Brücke des Automatikkalibers bereits vom Werk entfernt worden.

Offen liegen also die Zusatzräder für die springende Sekunde. Ebenfalls sehr gut zu sehen: die spezielle Gyrolab-Unruh, die – nicht ganz zufällig – an das Markenemblem von Jaeger-LeCoultre erinnert. 

Nun aber ran ans Werk. Zunächst heißt es, die Unruh anzuhalten und die Kraft aus dem Federhaus zu nehmen. Anschließend darf dann die erste Brücke demontiert werden. Fast schon automatisch fallen einem da bereits ein Rad und ein Stift entgegen. Doch noch ahnt niemand, welche Bedeutung diese Teile später noch haben werden.

Der Blick wird frei auf zwei weitere Zusatzräder der True-Seconds-Komplikation. Auch hier müssen zunächst die gebläuten Schrauben gelöst und anschließend ganz behutsam die entsprechende Brücke entfernt werden, ehe man die Rädchen abnehmen kann. 

Nachdem nun alle für die Komplikation verantwortlichen Teile in der Staubschale liegen (im nachfolgenden Bild noch ergänzt durch das Federhaus – eine Fleißaufgabe für die Übermotivierten), steht erst einmal eine kurze Pause an. Zeit, sich in den Vitrinen umzuschauen, in denen unter Anderem die Reverso mit Gyrotourbillon und die Geophysic in Platin mit Tourbillon darauf warten, genauestens begutachtet zu werden. 

Dann geht es auch schon wieder an den Zusammenbau. Der geht anfangs erstaunlich einfach von der Hand. Bis, ja bis es zu besagtem “Finger” kommt. Dem Teil, dass maßgeblich für den Sprung des Sekundenzeigers alle acht Halbschwingungen zuständig ist. Ihn in die vorgesehene Position zu bringen ist ein wahres Geduldsspiel, welches durch den wackelnden Parkettboden der altehrwürdigen Gemächer nicht unbedingt einfacher zu bewerkstelligen ist. 

Doch irgendwann, nach dem gefühlt zwanzigsten Versuch, sitzt er dann genau so, wie er soll. Vorsichtig mit der zugehörigen Brücke fixieren, die Spannung im Uhrwerk wieder aufbauen und – es läuft! Welch erhebendes Gefühl!  Den nun folgenden Champagner, natürlich stilecht in Porzellanbechern serviert, den haben wir uns wirklich verdient. 

Vielen Dank an dieser Stelle an Jaeger-LeCoultre und die Porzellanmanufaktur Nymphenburg für diese großartige Veranstaltung.

 

Fotos: © Jaeger-LeCoultre (1), PCS (33)
Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2017

 

 

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