Wofür steht eigentlich der Buchstabe S? Darüber denke ich nach, während ich im Flugzeug von Florenz zurück nach Frankfurt sitze. In meinem Fall steht der Buchstabe S gerade für Schlechtes Timing. Denn mir ausgerechnet den Flug auszusuchen, der exakt während des Viertelfinales Frankreich vs. Deutschland durchgeführt wird, war alles, nur nicht sonderlich clever.

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Doch wofür steht der Buchstabe S in Verbindung mit Mercedes? In den vergangenen 18 Jahren für vieles, nur nicht für große Coupés. Denn 1996 wurden die bis dahin unter dem Kürzel SEC geführten Modelle in CL umgetauft. Diese S-lose Ära geht nun mit dem intern C 217 genannten 2015er Modell zu Ende. Ab jetzt darf auch wieder das S-Klasse Coupé den magischen Buchstaben am Heck führen und zeigen, wessen Geistes Kind sie ist. S wie Status eben.

Über Status machte ich mir als Kind keine Gedanken. Wir hatten ein Auto. Und das war eben immer ein Mercedes. Ich kannte nichts anderes. S wie Selbstverständlichkeit. Und S wie Sylt, denn da ging es jeden Juli in Urlaub. Mit unserem Mercedes natürlich. Womit sonst?

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Statt nach Sylt führt mich mein Weg zum neuen S-Coupé in die Toskana. S wie Toskana? Mist. Das funktioniert nicht. Wäre auch zu einfach gewesen.

Am Flughafen von Pisa warten diverse S 500 auf ihre Fahrer. Mein Coupé ist mattsilber. Fachlich korrekt heißt die Farbe designo allanitgrau magno. Der S 500 ist ein 4MATIC, hat also Allradantrieb, verfügt über die AIRMATIC Luftfederung und eine Innenausstattung in designo Leder Exklusiv Nappa bengalrot / schwarz. 4.663 Kubikzentimeter Hubraum hat er, 455 PS, 700 Nm, von 0 auf 100 vergehen 4,6 Sekunden.

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S wie – man möge mir diesen Ausdruck verzeihen – Scheissegal!! Denn von mir aus könnte dieses Auto gerade auch 45 PS haben. Es zählt nicht. Was zählt ist, dass da vor mir der schönste Mercedes der letzten Jahrzehnte steht! Diese Konturen, diese Linien, diese Kanten, dieses Heck! Ich gehe im Geiste alle Mercedes der vergangenen vier Jahrzehnte durch, doch mein Urteil bleibt bestehen. Selbst mein geliebter R129 und der ohnehin schon schöne Vorgänger des S-Coupé, der C 216, kommen gegen den Neuen nicht an. Ich bin überwältigt. S wie Schönheit. S wie Sinnlichkeit.

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S wie Sound. Der ist schon in der „Basisversion“, eine starke Untertreibung für einen S 500, mehr als beeindruckend. Vorausgesetzt, man hat beim betätigen des Startknopfes die Fenster offen. In geschlossenem Zustand kapseln diese die Insassen von Umgebungsgeräuschen zuverlässig ab. Was Windgeräusche angeht ist das S-Klasse Coupé gar das leiseste Auto der Welt.

Vom Flughafen Pisa aus führt das Navi mich per voreingestellter Route zunächst in Richtung Livorno, dann weiter über die Autostrada bis nach Cecina. Von dort aus geht es auf der SR68 und SR439 weiter Richtung Casole. Eine wunderbar entspannte Fahrt, auch auf Grund der angenehmen Massage, die ich mir für meinen Sitz einstelle (ab 2.023 Euro). Das Interieur Paket Exklusiv (6.747,30 Euro) mit seinem Nappaleder und den perfekt gesetzten Ziernähten erfreut mein Auge, das Beduftungssystem Air Balance (440,30 Euro) umschmeichelt dezent meine Nase, das Burmester High-End 3D-Surround-Soundsystem (7.497 Euro) betört die Ohren.

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S wie Sinne. Die weiß das S-Klasse Coupé nicht nur perfekt zu betören, davon hat der Viersitzer auch selbst jede Menge. Seine Assistenzsysteme überwachen permanent alles, was im und rund um das Auto vor sich geht. Die enge Gasse zur Piazza del Larderel im malerischen Pomarance? Gar kein Problem. Die 360°-Kamera zeigt zuverlässig den Abstand zu den parkenden Kleintransportern (links) bzw. zum alten Gemäuer (rechts) an. Unklarheit, wie schnell man gerade fahren darf? Eine Stereo-Kamera scannt Straße und Straßenrand nach Objekten. Schilder werden von einer weiteren Kamera in der Frontscheibe erfasst und direkt in Navigationsansicht, Tachoeinheit und Overhead-Display eingeblendet. Radarsensoren liefern Informationen zum Abstand von Fahrzeugen und Fußgängern und geben diese an eine Vielzahl von Systemen weiter. Collision Prevention Assist Plus, Distronic Plus, Kreuzungs-Assistent, Spurhalte-Assistent, Seitenwind-Assistent, Attention Assist, Pre-Safe Plus, Parkassistent – über die Vielzahl der Helfer ließe sich ein eigener Bericht schreiben. S, das steht auf jeden Fall für Sicherheit auf höchstem Niveau.

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Doch wie steht es um die Sinnhaftigkeit dieser Systeme? Viele von ihnen wird man wohl hoffentlich nur sehr selten oder gar nie benötigen. Andere erleichtern den Alltag allerdings ungemein. Mein Liebling – neben der 360° Kamera natürlich – ist die Verkehrszeichenerkennung. Ein Tempo 50 Schild etwa steht an der Autobahn zwischen Pisa und Livorno. Darunter ein Zusatzschild in italienischer Sprache. Tempo 50? Hier? Jetzt? Wirklich? Einen Strafzettel will man ja nicht riskieren. Doch kann das wirklich möglich sein? Ich kann kein Italienisch, mein S 500 Coupé hingegen scheinbar schon. Tempo 50 bei Nebel blendet er mir auf dem Display ein, ansonsten gelte Tempo 130. Ein kluges Auto, ein sinnvolles System. Ein System, was aber auch zu Verwirrung führen kann, etwa wenn es auf der Landstraße ohne ersichtlichen Grund – und ohne sichtbares Schild – permanent zwischen Tempo 50 und 90 wechselt. Ich ertappe mich dabei, wie ich den Anzeigen mehr und mehr blind vertraue, die Verantwortung für mein Tun immer mehr an das Fahrzeug abgeben will. Statt selbst auf Schilder am Straßenrand zu achten, behalte ich nur die Einblendungen des Head-up Displays im Auge. Die Vehemenz, mit der mich die Ortskundigen überholen deutet an, dass das angezeigte Tempo 50 auf dieser freien Strecke dann vielleicht doch nicht ganz korrekt ist. S wie Sinnvoll? S zumindest, wie nicht vergessen, auch noch Selbst zu denken!

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Einen kühlen Kopf zu bewahren, dabei unterstützt das S-Coupé jedenfalls durch eine hervorragende Klimatisierung mit sehr genau einstell- und dosierbaren Luftdüsen. Wie heiß die Sonne in der Toskana brennt, das kann man bestenfalls beim Blick durch das riesige Panoramaglasdach erahnen. Dieses lässt sich dank einer Technik namens Magic Sky Control so abdunkeln, dass sich der Innenraum nicht oder zumindest nicht merklich aufheizt. S wie Sonnenschutz. Ein schönes Extra zum Preis von 4.700,50 Euro.

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S wie Sonderausstattungen. Traditionell gibt es davon jede Menge. 52 Seiten dick ist die Preisliste zum neuen S 500 und S 63 AMG Coupé. Die augenscheinlichste Option: S wie Swarovski. 47 Kristalle des Tiroler Unternehmens sitzen in jedem der Scheinwerfer. 17 sind für das Tagfahrlicht zuständig, 30 für den Blinker. Swarovski Kristalle in einem Autoscheinwerfer. S wie Sonderbar? Nicht unbedingt. Denn wer nun an funkelnde Strass-Täschchen denkt, liegt falsch. Die Kristalle sind ein Eyecatcher, ohne jedoch gleich mit schreiender Auffälligkeit zu glänzen. Man muss zugeben, das Swarovski Paket schaut wirklich ziemlich gut aus. Kostet aber auch. 3.332 Euro werden für die Sonderausstattung mit dem Code 5U5 fällig, in den Sondermodellen „Edition 1“ ist sie bereits im Grundpreis enthalten.

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Nicht enthalten hingegen sind die äußerst attraktiven designo manufaktur Lacke. So kostet designo mokkaschwarz metallic 3.558,10 Euro Aufpreis, für designo magno allanitgrau werden 4.153,10 Euro fällig. Wer glaubt, Matt-Lacke seien längst schon wieder out, der mag vielleicht Recht haben, hat aber noch kein S-Klasse Coupé darin gesehen. Denn allanitgrau betont die Formen des Fahrzeugs so dermaßen attraktiv, dass man sich daran einfach nicht satt sehen kann. Das Spiel von Licht und Schatten ist fast schon verboten schön. S wie Sexy!!

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Erstaunlich gut steht dem S Coupé übrigens auch cavansitblau metallic. Diese und noch weitere Farben sind bei der Ankunft im Castello die Casole zu sehen. Hier ist der Fahrzeugwechsel eingeplant. Vom S 500 Coupé wechsle ich auf das S 63 AMG Coupé.

S wie ‚darf’S ein bisserl mehr sein?‘. Machen wir uns nichts vor. 455 PS wie die im S 500 sind eine erstklassige Motorisierung für das 2090 kg wiegende Coupé. Der S 63 AMG bringt zwanzig Kilo weniger auf die Waage, sein 5,5 Liter V8 Biturbo leistet dafür 130 PS mehr. Macht 585 PS und gigantische 900 Newtonmeter, die für eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,9 Sekunden sorgen. Braucht man wie gesagt angesichts der souveränen Fahrleistungen des S 500 (Merke: S wie Souveränität) nicht, aber, was heißt schon ‚brauchen‘?

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S wie Spaßfaktor! Der kommt im S 63 AMG Coupé nun wirklich nicht zu kurz. Allein der typische AMG-Sound ist einfach nur dieses kleine aber entscheidende Stückchen schärfer. Das Blubbern, das Zwischengas beim herunterschalten – unvernünftig, unnötig, unbeschreiblich. Der Druck aufs Gaspedal verbindet die Fußsohle auf direktem Wege mit den Nackenhaaren und mit dem Driver’s Package (3.213 Euro inkl. Fahrtraining) schafft der S 63 AMG sogar die 300 km/h Marke. S wie geile Sau. Und was für eine!

Nach einem naturgemäß viel zu kurzen Loop rund um Casole D’elsa geht es auch schon wieder zurück zum Castello, welches in den 60er Jahren dem Regisseur Luchino Visconti gehörte und vor einigen Jahren zu einem sehr schönen Luxushotel umgebaut wurde. Eigentlich stünde tags drauf noch der S 500 Magic Body Control mit der neuen Kurvenneigefunktion auf meinem Testprogramm, Stichwort S wie Straßenlage, doch ich verzichte zugunsten einer weiteren Ausfahrt im S 63 AMG. Dann also doch eher S wie Süchtig.

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Zwar gibt es auch für das S 63 AMG Coupé die Kurvenneigetechnik, mit der sich das Fahrzeug ein bisschen wie ein Motorradfahrer in die Kurve legt, doch ‚meiner‘ ist wieder ein 4MATIC und eine Kombination von Magic Body Control und Allradtechnik gibt es nicht. Nicht so schlimm, denn das AMG Ride Control Sportfahrwerk auf Basis der Airmatic bringt den Zweitonner mit solcher Leichtigkeit durch jede Kurve und Kehre, dass ich permanent am schmunzeln bin. S, das steht für eine ganz gehörige Portion Sportlichkeit.

Einziger Unterschied zum S 63 vom Vortag: der heutige hat die Standardbremsanlage statt der Keramik Hochleistungs-Verbundbremsanlage eingebaut. Letztere kostet übrigens 8.270,50 Euro Aufpreis, die rot lackierten Bremssättel des heutigen Fahrzeugs sind mit 714 Euro vergleichsweise günstig. Die Sonderausstattungen halt. S wie ‚Siehe oben‘.

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Durch das Chianti führt der Weg nach Florenz. S wie Stadtfahrt. Auch wenn diese, zumindest in einer italienischen Großstadt, nicht zu den schönsten Disziplinen gehört, erleichtert das Navigationssystem des S Coupé die Sache dann doch erheblich. Auch die Dämmung der Fenster lässt die Hektik ein wenig außen vor. Auf der Piazzale Michelangelo halte ich für ein kurzes Photoshooting unter den skeptischen Augen einiger Ferraristi. Ein kurzer Druck aufs Gaspedal und auch sie hat das S-Klasse Coupé in ihren Bann gezogen.

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Die Testfahrt endet mitten auf der Piazza Ognissanti am ehrwürdigen St. Regis Hotel Florenz. Und auch hier zieht das S-Klasse Coupé sofort die Passanten an. Touristen wie Einheimische, keiner kann ihm widerstehen. Jeder muss einen Blick in den Innenraum erhaschen, diskutiert über die gelungene Linienführung. S wie Superstar. Definitiv.

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Punkt 18 Uhr, zum Anpfiff des Viertelfinales, sitze ich im Flugzeug zurück nach Frankfurt. Und beim Schreiben dieser Zeilen, dieses Testberichts über das Mercedes S-Klasse Coupé, empfinde ich etwas in Bezug auf ein Auto eher ungewöhnliches. Sehnsucht. Auch ein Wort mit S. Sicher kein Zufall.

Das Mercedes S-Klasse Coupé kommt zunächst in zwei Allradversionen (4MATIC) auf den deutschen Markt. Als S 500 Coupé liegt der Listenpreis bei 125.961,50 Euro, als S 63 AMG Coupé bei 170.586,50 Euro. Zu Markteinführung bringt Mercedes auch eine Sonderedition mit erweiterter Serienausstattung heraus. Die Preise dieser Edition 1 liegen bei 140.193,90 Euro für den S 500 4MATIC und 181.326,25 Euro für den S 63 AMG 4MATIC.

Weitere Informationen über das S-Class Coupé unter mercedes-benz.de und hier auf Luxify!

Ebenfalls interessant: unser Test der Mercedes S 63 AMG Limousine.

Sie können gar nicht genug bekommen, vom neuen S Coupé? Viele weitere Fotos des Mercedes S 500 Coupé und des Mercedes S 63 AMG Coupé finden Sie in unserem Forum

Fotos & Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2014

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