by R-L-X

Mercedes gönnt seiner erfolgreichen S-Klasse ein Facelift. Unter den vielen Neuerungen begeistert besonders eine, auf die AMG Fans schon lange gewartet haben. Unterwegs mit dem S 63, Jahrgang 2017 – ein Fahrbericht. 

Vier Jahre ist die Weltpremiere der neuen Mercedes S-Klasse nun schon wieder her. Vier Jahre, in denen sich das Flaggschiff der Stuttgarter zu einer ganzen Familie vermehren durfte. Stand heute ist die S-Klasse Limousine in vier Versionen erhältlich: Kurzversion, Langversion, Maybach und Pullman. Hinzu gesellen sich noch S-Klasse Coupé und – seit vergangenem Jahr – S-Klasse Cabriolet.

Mercedes-AMG S 63 4matic+ in designo allanitgrau magno

Vier Jahre, das bedeutet aber auch: es ist Zeit für ein Facelift, bzw. eine MoPf, wie das bei Mercedes heißt. Die Modellpflege des W222 – die ersten Gedanken, Entwürfe, Vorbereitungen dazu begannen schon vor dem Launch der bisherigen Version.

Doch wie verbessert man ein Auto, das eigentlich schon perfekt ist? Wobei, halt – so ganz stimmt das ja gar nicht. Denn, wer sich an meine Vorstellung des “alten” S 63 erinnert der weiß: eine Sache, die habe ich schon vor vier Jahren vermisst. Die Rede ist vom Fahrprogramm Sport +. Das war beim Vorgänger nämlich nicht zu bekommen.

Ausstattungslinie Leder Exklusiv Nappa AMG porzellan/schwarz

Das passe nicht zur S-Klasse, deren Fahrer es gerne etwas leiser wollen. So oder so ähnlich wurde das damals begründet. Für mich ein wenig unverständlich. Spannend daher zu sehen, ob man an dieser Sichtweise noch immer festhält.

Für die internationale Fahrveranstaltungen lud Mercedes drei Wochen lang Journalisten aus der ganzen Welt nach Zürich. Gewöhnlich laufen solche Veranstaltungen eher zwei Wochen, doch die S-Klasse, sie ist eben das Aushängeschild der Stuttgarter.

Und eben jenes musste sich in den vergangenen anderthalb Jahren in einigen Bereichen der neuen E-Klasse geschlagen geben. Großer Doppelflatscreen unter einem gemeinsamen Glas, anpassbare Instrumente, vollautomatisches Einparken, steuerbar bei Bedarf sogar von außen mittels App, Spurwechselassistent, in all diesen und weiteren Punkten hatte der gar nicht mal so kleine Bruder seit seiner Neuvorstellung die Nase vorn. Von den 64 auswählbaren Farben der Ambiente-Beleuchtung und dem neuen, schicken Schlüssel einmal ganz zu schweigen! Höchste Zeit also, dass die S-Klasse wieder zeigt, wer hier an der Spitze des Automobilbaus steht.

Vor dem renommierten Dolder Grand Hotel warten an diesem Morgen Modelle des Typs Mercedes-AMG S63 und Mercedes S560 auf die Tester. Moment! 560? Diese Bezeichnung haben wir doch das letzte Mal in den späten 80ern gesehen. Richtig. Beim W126. Nun gibt es ihn wieder, den 560er. Die Bezeichnung – heute allerdings nichts weiter als eine Reminiszenz an den Urahn. Denn der Achtzylinder in V-Anordnung unter der wohlgeformten Haube generiert seine 469 PS aus nur noch 4 Litern, genauer 3.982 ccm.

Mercedes-AMG S 63 4matic+ in designo diamantweiß bright

Auf exakt den gleichen Hubraum übrigens bringt es nun auch die Sportversion von AMG. Beim S 63 4MATIC+ sorgen zwei zwischen den Zylinderbänken angeordnete Turbolader (spätestens seit dem C 63 wissen wir, das Konstrukt heißt “hot V”) für eine Leistung von potenten 612 PS.

Das sind 27 PS mehr als vor der Modellpflege – bei rund 1,5 Litern weniger Hubraum. Und auch 900 Nm Drehmoment, eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,5 Sekunden, sowie eine Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h mit dem optionalen AMG Driver’s Package klingen zumindest auf dem Papier erstmal nicht, als müsse man dem alten 5,5 Liter Motor groß hinterhertrauern.

Doch auf die erste Strecke geht es zunächst mit dem “zivileren” S 560. Macht nichts, das Wetter ist schlecht, die Straßen nass und in der Schweiz sollte man seinen rechten Fuß ja sowieso etwas zügeln.

Letzteres fällt in Anbetracht der äußerst zügigen Beschleunigung der 2,1 Tonnen-Limousine recht schwer. Also rein mit den Assistenzsystemen und entspannt zurücklehnen. Auffällig: die S-Klasse bricht mit der jahrzehntealten Tradition des eigenen kleinen Wählhebels für den Tempomaten (bzw. nun Distronic Plus). Stattdessen wandern die Bedienelemente nun in die linke Lenkradspeiche und sind dort – meiner ganz persönlichen Meinung nach – auch wesentlich besser aufgehoben.

Ausstattungslinie Leder Exklusiv Nappa AMG nussbraun/schwarz

Die Distronic regelt Geschwindigkeit und Abstand zum Vordermann in gewohnt souveräner Art, ihr Lenkassistent erlaubt es, die Hände kurzzeitig auch einmal komplett vom Steuer zu nehmen. Und sogar Spurwechsel übernimmt die S-Klasse nun vollautomatisch. Ein kurzes Betätigen des Blinkerhebels reicht aus, schon wechselt der S 560 4matic die Spur. Sofern kein Auto im Wege ist, ansonsten wird bis zu 10 Sekunden abgewartet und dann, so die Spur frei ist, gewechselt. Auf Geschwindigkeitsbegrenzungen reagiert die Distronic nun früher, leitet den Bremsvorgang eher ein.

Produktfotos – des schöneren Wetters wegen: Mercedes-AMG S 400d 4matic in designo mokkaschwarz metallic

Genial: durch den Abgleich mit dem hinterlegten Kartenmaterial verlangsamt die S-Klasse nun vor Kurven und Kreisverkehren selbsttätig. Ein weiterer, nicht unwichtiger Schritt hin zum autonomen Fahren.

Dem mögen manche vom Grundsatz her vielleicht noch immer skeptisch gegenüberstehen, ihnen sei aber versichert, in wohl keinem anderen Auto kann man das “sich chauffieren lassen” so sehr genießen, wie in der S-Klasse.

Und damit das auch bei der Modellpflege so bleibt, hat sich Mercedes etwas Neues überlegt: die Energizing Komfortsteuerung. Als ich von jener zum ersten Mal las, musste ich kurz schmunzeln. Denn was sich dahinter verbirgt, das klingt nach der Antwort auf eine Frage, die wirklich nie jemand gestellt hat.

Die Energizing Komfortsteuerung vereint Massagefunktion, Sitzheizung bzw. -lüftung, Klimaautomatik, Beduftungssystem, Ambientebeleuchtung und Audiosystem, stimmt diese in fünf Programmen optimal aufeinander ab. Dazu gibt es noch drei Trainingsprogramme mit unterschiedlichen Übungen.

Klingt nach einem totalen Schmarrn. Klar, dass ich das ausprobieren muss. In einem dunklen Raum der Relaisstation am Flugplatz Neuhausen ob Eck nehme ich zu diesem Zweck in einem Mercedes-Maybach Platz.

Ausstattungslinie Leder Exklusiv Nappa porzellan/schwarz

Frische, Wärme, Vitalität, Freude und Behaglichkeit nennen sich die Programme. Bei der Aktivierung ändert sich die Ambientebeleuchtung (diese kann jetzt sogar gleichzeitig unterschiedliche Farben, etwa im oberen und im unteren Bereich des Armaturenbretts anzeigen) von warmen Rottönen hin zu frischem Blau und Grün oder umgekehrt. Hinzu senden die Lüftungsdüsen immer mal wieder eine frische Brise, die Sitze massieren und speziell auf das jeweilige Programm abgestimmte Musik unterstützt den Rundum-Komfort.

Energizing-Funktion im Einsatz

Neben einigen vorprogrammierten Musikstücken kann auch die eigene Bibliothek miteinbezogen werden. Das System analysiert die einzelnen Songs dafür zunächst und entscheidet anhand der Beats per Minute, welche für die Programme passend sind.

Zugegeben, das klingt, schreibe ich darüber, noch immer äußerst unnötig. Ich bin mir allerdings sicher: auf längeren Autobahnfahrten wird man die Energizing Komfortsteuerung schnell nicht mehr missen wollen.

Wählbare Instrumentenanordnung

Doch nicht nur diese lässt sich an der Relaisstation ausprobieren. Ein besonderes Augenmerk hat Mercedes auf die Sicherheitssysteme gesetzt. Testen kann man diese in verschiedenen S 450 und S 500 Modellen. Beide verfügen übrigens nun über die neuen Reihen-Sechszylinder und bringen es bei jeweils 3 Litern Hubraum auf 367 bzw. 435 PS.

Mercedes-AMG S 500 in selenitgrau metallic

Interessant dabei: Dank eines integrierten Starter-Generators (ISG) stehen kurzfristig zusätzliche 250 Nm Drehmoment und 16 kW Leistung zur Verfügung. Einher geht ein neues, zusätzliches 48-Volt-Bordnetz, welches ohne jene Sicherheitsarchitektur auskommt, die beim für Hybrid-Fahrzeuge eingesetzten Hochvolt-Netz benötigt wird.

Auf geht’s zum Test des aktiven Brems-Assistenten mit Kreuzungsfunktion. Auf dem Flugplatz ist eine typische Straßenkreuzung aufgebaut. Von rechts nähert sich ein Auto. Mein Fahrer ist (gewollt) unaufmerksam, redet mit mir, bleibt auf dem Gas als die Gefahr immer näher kommt.

Wäre das querende Fahrzeug nicht aus Styropor oder ähnlichem, spätestens jetzt würde ich ein wenig nervös werden. Doch der Fahrer hält weiter drauf. Ein schriller Warnton, dann leitet die S-Klasse die automatische Notbremsung ein, kommt kurz vor dem Hindernis zum Stehen.

Querendes “Fahrzeug” – diesmal von links

Ein weiterer Versuch. Die gleiche Situation, diesmal jedoch fahren wir ein gutes Stück weiter rechts. Wieder quert das ferngelenkte rote “Auto” die Fahrbahn. Doch zu meinem Erstaunen macht unsere S-Klasse diesmal: nichts! Das kann nicht gut gehen, denke ich mir. Falsch. Die S-Klasse hat berechnet, dass wir diesmal am Hindernis vorbeikommen, hat daher auf eine Bremsung verzichtet und – Recht behalten.

Auch Fußgänger erkennt das System, berechnet mittels Ausweich-Lenk-Assistenten sogar den optimalen Ausweichvorgang. Entscheidet sich der Fahrer für ein Ausweichen, unterstützt ihn das System mit den perfekten Lenkmomenten.

Ausweichmanöver 

Das Ein- und Ausparken üben wir ebenfalls. Dafür übernehme dann wieder ich das Steuer. Quer- und Längsparkplätze sind aufgebaut, eng, unübersichtlich. Kein Problem für die S-Klasse. Ob vorwärts, ob rückwärts, sämtliche Parkvorgänge erledigt sie (und damit ich) mit Bravour, lenkt und schaltet komplett selbsttätig. Auch Gas und Bremse werden von selbst übernommen.

Beim rückwärts ausparken aus einer unübersichtlichen Querparklücke dann kommt das Fahrzeug abrupt zum Stehen. Zunächst weiß ich gar nicht, wie mir geschieht. Des Rätsels Lösung: dank seiner vielen Sensoren erkannte das System ein querendes Fahrzeug. Für mich als Fahrer war dieses unmöglich zu sehen. Ein Unfall wäre unvermeidbar gewesen. Der aktive Park-Assistent, er spart also nicht nur jede Menge Nerven sondern im Zweifel auch richtig Geld.

Multibeam LED Scheinwerfer mit Lichtfackeln

Doch genug der Tests. Zeit für das Modell, für das ich eigentlich hier bin. Zeit für das Topmodell, den Mercedes-AMG S 63 4matic+. Wobei, streng genommen stimmt das mit dem Topmodell so nicht ganz. Denn da gäbe es ja noch den S 65 der, wie auch der S 600 und der Mercedes-Maybach S 650, mit dem bekannten 6-Liter V12 vorfährt und es auf 630 (S 65, S 650) bzw. 530 PS (S 600) bringt.

LED Heckleuchten in Kristalloptik

Fahrdynamisch allerdings ist der S 63 dank 4matic+ und AMG Speedshift MCT 9-Gang Sportgetriebe zweifellos die Spitze der S-Klasse. Mit seinen 3,5 Sekunden nimmt er dem heckgetriebenen S 65 beim Sprint von 0 auf 100 km/h unglaubliche 0,8 Sekunden ab.

Von seinem Vorgänger unterscheidet sich der neue S 63 äußerlich nicht wirklich stark. Auffälligstes Merkmal neben den Scheinwerfern mit ihren drei Lichtfackeln (beim Multibeam LED Scheinwerfer) ist der bislang dem V12 vorbehaltene Kühlergrill mit seinen drei verchromten Doppellamellen. Vom AMG GT R inspiriert: der Jet-Wing der Frontschürze.

Verchromte Doppellamellen beim S 63 4matic+

Drinnen überrascht der neue S 63 erst einmal mit – ja, tatsächlich – einem Startknopf. Diesen hatte ich beim Test des Vorgängers (den gibt es hier noch einmal zum Nachlesen) seinerzeit vermisst. Nun also ist er da, geschuldet sicherlich auch dem neuen, bereits aus der E-Klasse bekannten, Schlüsseldesign.

Neues Schlüsseldesign

Ich betätige den Startknopf und der nun also gedownsizete (ich liebe dieses Wort) V8 erwacht zum Leben. Mit der AMG Drive Unit in der Mittelkonsole scrolle ich durch die verfügbaren Dynamic Select Fahrprogramme und bin – begeistert! Neben Individual, Comfort und Sport ist dort nun auch ein Sport+ Programm zu finden. Endlich!

Von einer “deutlich emotionaleren Ausprägung” des typischen, tieffrequenten V8-Sounds spricht AMG, ich sag nur: das Blubbern und Bratzen, welches mir bei C 63, E 63 und AMG GT das Grinsen ins Gesicht treibt, es hat nun endlich auch seinen Weg in die S-Klasse gefunden. Wen dieser akustisch doch ordentlich auffällige Auftritt in einer S-Klasse befremden sollte, der hat mit Sport und Comfort zwei deutlich diskretere Programme zur Wahl.

Spaßmacher

Ebenfalls neu ist die überarbeitete Race Start Funktion. Hier genügt es nun, mit dem linken Fuß das Bremspedal zu betätigen und gleichzeitig das Gaspedal mit dem rechten Fuß komplett durchzudrücken. Nimmt man nun den Fuß von der Bremse, sprintet der S 63 4matic+ mit optimaler Traktion los.

Das kleine “+” bei 4matic+ übrigens steht für den vollvariablen Allradantrieb, der bereits aus dem E 63 4matic+ bekannt ist. Auch die AMG Version der S-Klasse fährt sich nun im Falle des V8 also deutlich heckorientierter, stellt im Bedarfsfall allerdings weiterhin eine optimale Traktion über alle vier Räder bereit.

Ausreichend Platz für das Gepäck

Speziell im Sport+ Modus ist dies schön zu spüren und macht – noch mehr Spaß! Gerade auf kurvigen Landstraßen kann man die Größe des Autos und das Gewicht von immerhin 2 Tonnen schnell vergessen.

Ein Problem, das hat aber auch dieser S 63 wieder: die Wahl, ob man nun vorne links sportlich um die Kurven gleitet oder lieber hinten rechts ganz entspannt zurückgelehnt die neuen Energizing Programme genießt, die fällt auch beim Neuen – verdammt schwer!

Ausstattungslinie Leder Exklusiv Nappa AMG schwarz

Mein Fazit: kann man ein Auto verbessern, das eigentlich schon perfekt ist? Zugegeben, das ist natürlich eine äußerst rhetorische Frage. Natürlich kann man, und der neue S 63 ist da der beste Beweis. “Einzig beim Sound des Klappenauspuffs,” – so mein Fazit zum Vorgänger – “da hätte man noch ein bisschen experimentierfreudiger sein können.” Das ist AMG nun rundum gelungen. Ergänzt durch den sehr dynamisch ausgelegten 4matic+ Antrieb erlebt man nun noch mehr Sportwagenfeeling, hat mit den noch ausgefeilteren Assistenzsystemen und den Energizing Programmen gleichzeitig aber auch die sicherlich komfortabelste Reiselimousine zur Hand. Der S 63 ist somit einfach das Beste zweier Welten.

Vielen Dank an Mercedes Benz für die Einladung nach Zürich.

Datenblatt:

  Mercedes-AMG S 63 4MATIC+
Motor 4,0-Liter-V8 mit Direkteinspritzung, Biturbo-Aufladung und (4-)Zylinder-Abschaltung im Teillastbereich
Hubraum 3.982 ccm
Leistung 450 kW (612 PS) bei 5.500 -6.000/min
Drehmoment 900 Nm bei 2.750-4.500/min
Antrieb Allrad (permanent) mit voll variabler Momentverteilung
Getriebe AMG Speedshift DCT 9-Gang-Sportgetriebe
Beschleunigung 3,5 s (0-100 km/h)
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h (300 km/h mit optionalem AMG Driver’s Package
Grundpreis 160.293 Euro (Preisliste Deutschland, Stand 24.5.2017)

 

 

Fotos: © Mercedes-Benz (12), PCS (21)
Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2017

 

 Ihre Meinung interessiert uns