by R-L-X

Ob Rolex oder Patek, ob GMT-Master II oder Submariner: “Welche Uhr hat das größte Wertsteigerungspotenzial?” ist die Frage, die ich in letzter Zeit immer öfter höre. Höchste Zeit für eine ganz subjektive Abrechnung mit meinem persönlichen “Unwort des Jahres”. 

Es ist schon irgendwie tragisch. Da sitzen sie in der Schweiz, rund um Genf, im Vallée de Joux, in Biel, Schaffhausen, natürlich auch im Sächsischen Glashütte, und entwickeln. Machen sich Gedanken. Über Komplikationen, um Ganggenauigkeit, neue Testverfahren, neue Werkstoffe. Sie feilen am Klang ihrer Minutenrepetitionen, machen ihre Tourbillons noch ein paar Milligramm leichter. Und dann? Dann kommt der Endkunde.

Uhrmacher an einem Panerai Werk mit Tourbillon und Minutenrepetition

Und was ist dem wichtig? Die Handwerkskunst? Die Stunden, ja Tage an Handarbeit, die in seine Uhr geflossen sind? Die Ganggenauigkeit? Das Finish des Objekts der Begierde, welches ihn ein Leben lang begleiten soll? Nö, so könnte man langsam meinen. Der Preis, der maximal machbare Rabatt und – das Wertsteigerungspotenzial!

Neustes Meisterstück von Rolex: Sea-Dweller 126600

Wer eigentlich hat mit diesem Mist angefangen? Uhren als Investitionsobjekt. Welch Idiotie! Schon die 70er Jahre haben bewiesen, wie schnell es mit der Uhrenindustrie und dem Wert ihrer Produkte vorbei sein kann. Und nur weil es die letzten fünfzehn, zwanzig Jahre relativ gut lief, ist das noch lange kein Garant für die Zukunft.

Wer sie besitzt, hat ausgesorgt: Rolex Cosmograph Daytona mit legendärem “Paul Newman” Exotic Dial

Wer damit angefangen hat, kann ich nicht sagen. Eine gewisse Mittäterschaft allerdings, die kann ich auch mir an der ganzen Sache nicht absprechen. Denn gerade im deutschsprachigen Bereich waren wir mit unserem Forum in den vergangenen fast 15 Jahren sicher nicht ganz unbeteiligt daran, dass sich die Armbanduhr als so verdammt interessante Alternative zu anderen, klassischen Anlagemöglichkeiten mauserte.

Auch sie weckt Begehrlichkeiten als Spekulationsobjekt: dritte Auflage der Panerai “Bronzo”

Doch manchmal fühle ich mich gefangen. Irgendwo zwischen Goethes Zauberlehrling und de Cervantes’ Mann von la Mancha. Wenn ich an einem Abend binnen weniger Stunden den dritten Beitrag zum Thema “welche Uhr soll ich mir kaufen, welche hat das größere Wertsteigerungspotenzial” lese, wenn auch in der Offline Welt zwei von drei Gesprächen mit Uhreninteressierten nicht mehr darum gehen, welche Uhr das bessere Werk, die interessantere Historie hat, sondern einzig und allein nur noch darum, an welcher man mehr Geld verdienen kann, dann läuft da etwas ganz gehörig falsch.

Außergewöhnlich: Eine-Million-Dollar Uhr von Richard Mille

Dabei ist die Sache eigentlich doch ganz einfach. Was wir seit nunmehr bereits einigen Jahren an meist stattlichen Wertzuwächsen, teils um mehrere hundert Prozent, im Bereich der Vintage Uhren sehen, beruht auf der simplen Tatsache, dass jene Uhren zu einer Zeit verkauft wurden, in der es der Uhrenindustrie nicht wirklich gut ging. Stichwort Quarzkrise.

Rolex Chronographen mit Handaufzug – in den 70er und 80er Jahren nahezu unverkäuflich…

Entsprechend schleppend ging der Verkauf, entsprechend wenig wurde produziert. Uhren als Anlageobjekt? An sowas hat seinerzeit wohl niemand gedacht. Bis auf wenige Ausnahmen wurden Uhren gekauft, um sie zu tragen. Und in entsprechendem Zustand sind jene Vintages dieser Jahre auch meist. Getragen, stark getragen, poliert, serviciert, mit Ersatzteilen neueren Datums versehen. Entsprechend selten sind wirklich gut erhaltene Exemplare, entsprechend hoch schraubt sich der Preis. Angebot und Nachfrage.

… heute begehrt bei Sammlern und Investoren

Daraus auf die Wertentwicklung aktueller Modelle zu schließen ist an Torheit kaum zu überbieten. Um es klar zu sagen: jene Zeiten sind bei teils hunderttausendfach produzierten Uhren vorbei, zumal spätestens seit der 2003 vorgestellten Submariner LV unzählige Exemplare nahezu jedes neuen Modells neu, ungetragen und originalverklebt in den Schließfächern kleinerer und größerer Spekulanten schlummern.

Mutter des Hypes: Rolex Cosmograph Daytona als aktuelle Referenz 116500LN

Natürlich, auch heute gibt es Ausnahmen. Doch wie schnell das mit dem “schnellen Geld” selbst bei einem Modell wie der Rolex Daytona in Stahl vorbei sein kann, zeigte sich in den letzten Jahren des Lebenszyklus der Referenz 116520. Hätten die Genfer nicht die aktuelle Referenz 116500 LN nachgeschoben, die Preise für Stahl Daytonas wären mittlerweile wohl deutlich unter dem Listenpreis angelangt.

Begehrtestes Sportmodell bei Patek Philippe: die Nautilus. Links als Ref. 5711/1A in Stahl, rechts als 5711/1P in Platin

Wenn eine Uhr nach fünf- oder zehnjährigem Tragen noch immer das Wert ist, was man zu Beginn für sie bezahlt hat, gegebenenfalls sogar etwas mehr, ist das eine schöne Sache. Das ist unbestritten. Und gerade die Stahl-Sportmodelle aus dem Hause Rolex und Patek Philippe, sowie einzelne Modelle auch anderer Hersteller sind da gute und nachhaltige Beispiele.

Omega Speedmaster Apollo 13 Silver Snoopy Award: 100% Preisaufschlag sind keine Seltenheit

Daher, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: beim Uhrenkauf AUCH das Thema WertERHALT zu betrachten ist meines Erachtens komplett legitim, eine Uhr allerdings AUSSCHLIESSLICH unter dem Gesichtspunkt der WertSTEIGERUNG auszusuchen? Töricht.

Wertsteigerungspotenzial? Ungewiss und auch egal. Die SD 50. Vielleicht die beste Rolex aller Zeiten.

Doch selbst das Thema Werterhalt sollte nur eines unter vielen Aspekten bleiben. Denn: räumt man diesem einen allzu großen Wert ein, laufen wir irgendwann alle nur noch mit den gleichen fünf, sechs Modellen herum. Eine Aussicht, welche der Armbanduhr in ihrer Funktion als Zeichen der persönlichen Individualität komplett zuwiderliefe.

Traumuhr mit maximaler Individualität: Slim d’Hermès L’heure impatiente

Es ist an der Zeit, sich daher wieder mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren: den individuellen Geschmack. Welche Uhr passt zu mir, welche Uhr spricht mich an, welche Marke gefällt mir auf Grund ihrer Historie, welches Modell verkörpert für mich was? Welche Technik steckt hinter welcher Uhr? Wie viel Handarbeit fließt in die Produktion mit ein und wie wichtig ist mir das überhaupt?  

Uhrmacherkunst bei Cartier

Sich mit der Uhr als solcher auseinanderzusetzen, ihrer Technik, ihrem Design, das ist das eigentlich Spannende an diesem, unserem Hobby. Die Uhr als Objekt der Begierde, von mir aus auch als Statussymbol, nicht aber als reines Spekulationsobjekt. Wenn wir wieder mehr zu dieser Ansicht kämen, es wäre viel gewonnen.

Einfach Spaß haben mit einer Uhr: die Audemars Piguet Royal Oak Diver auf den Bahamas

P.S.: dieser Text stellt einzig und allein den momentanen Gemütszustand des Autors dar. Wohlwissend, dass sich auch durch diesen Beitrag nichts, aber rein gar nichts ändern wird. In sofern: macht’s, was Ihr wollt. Happy hunting! 

 

Fotos & Text: © Percy Christian Schoeler (PCS) 2017

Ein Kommentar


  • von Frank H. vor etwa einer Woche

    Dem Geäusserten kann ich nur zustimmen. Schöne Dinge nur aus dem Blickwinkel der Wertsteigerung zu betrachten – und sie dann auch noch zu verstecken und nicht zu nutzen – ist eine Verarmung, gegen die man sich als Ästhet und Geniesser wehren sollte. Das Leben ist zu kurz, um die schönen Dinge für später in den Tresor zu schliessen.


 Ihre Meinung interessiert uns